Steuer(n)


Steuer(n)
Das Steuer führen, auch: am Steuer sitzen (sein): an der Regierung sein, den Staat lenken, die Richtung in der Politik bestimmen, vgl. ›Am Ruder sein‹; französisch ›être à la barre‹, Ruder.
   Das sprachliche Bild der Redensarten bezieht sich ursprünglich auf das Steuer des Schiffes, durch das sein Kurs bestimmt wird, in übertragener und erweiterter Bedeutung dient es zur Umschreibung von Herrschaft, Leitung und richtungweisendem Handeln und Eingreifen überhaupt, vornehmlich jedoch im öffentlichen Leben, in Wirtschaft und Politik. Das Neutrum ›Steuer‹ ist ein niederdeutsches Wort, das erst spätmittelhochdeutsch als ›stiure‹ bezeugt ist. Wegen seiner Grundbedeutung von körperlicher Stütze kann es mit altnordischer ›staurr‹ = Pfahl und lateinisch ›restaurare‹ = wiederherstellen in Zusammenhang gebracht werden. Das schwache Verb ›steuern‹ beruht auf mittelhochdeutsch ›stiuren‹ = lenken, leiten, stützen.
   Das Steuer (fest) in der Hand haben: an der Macht sein, seinen Willen (mit Gewalt) durchsetzen, seine Ziele konsequent verfolgen, sich auf seinem Wege durch nichts und niemanden beirren lassen.
   Das Steuer ergreifen: die Herrschaft an sich reißen, die Führung übernehmen, ordnend eingreifen.
   Das Steuer herumwerfen: einen neuen oder entgegengesetzten Kurs einschlagen, die bisherige Richtung in der Politik (Wirtschaft) plötzlich und grundlegend ändern.
   Die Wendung Einer Sache steuern: ihr Einhalt gebieten, beruht auf der gleichen Vorstellung und meint eigentlich das Entgegensteuern, um das Abweichen vom rechten Maß oder Wege wieder auszugleichen.
   Ohne Steuer treiben: ohne feste Führung sein, die Richtung verloren haben, einer unsicheren Zukunft ohne Ziel entgegensehen, die Gewalt (Herrschaft) über sein Leben (die Politik, Wirtschaft) verloren haben; vgl. französisch ›aller à la dérive‹; ähnlich: Des Steuers verlustig gehen: Halt und Stütze vermissen müssen.
   Die mundartlichen Wendungen, die vor allem von der norddeutschen Küste stammen, zeigen ihren Zusammenhang mit der Seemannssprache noch deutlicher als die hochsprachlichen, zum Beispiel heißt ›oever Stür gân‹, über Bord gehen. Davon abgeleitet ist die Redensart ›Et geit mit em över Stür‹, es geht rückwärts mit ihm, da sich ja das Steuer am Ende des Schiffes befindet. ›Van't Stür sein‹, außer Fassung geraten, eigentlich ohne Steuer sein und sich nicht mehr selbst helfen können, dagegen: ›to Stür kommen‹, einem zustatten kommen. Diese Wendung ist bereits bei Burkard Waldis (III, 50, 13) literarisch bezeugt als Feststellung: »Der kompt vns wol zu steure‹. Die Redensart ›De besten Stüerlüd (Käptens) stahn jümmen an Land‹ bezieht sich auf die Besserwisser an Land und stammt auch aus der Seemannssprache. Etwas zur Steuer der Wahrheit tun (sagen): der Wahrheit ihr Recht geben. Das Femininum ›Steuer‹ geht auf althochdeutsch ›stiura‹ = Abgabe, eigentliche Unterstützung durch Abgaben, zurück und bezeichnet ursprünglich die Stütze in sinnlicher Bedeutung, was sich noch im bairischen Ausdruck ›Steuerleiste‹ = Stützleiste am Wagen, erhalten hat.
   Dagegen meint die Steuer als Abgabe: Steuer und Bett von Toten nehmen: übergroße Forderungen stellen. Die Redensart erinnert an das frühere Recht der Grundherren, den persönlichen Besitz der verstorbenen Leibeigenen für sich zu fordern, den sogenannten ›Todfall‹.
   Die Steuerschraube anziehen: die Steuern ständig erhöhen. Die Wendung ist als anschauliche Schelte des künstlich gesteigerten Steuerdruckes in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts aufgekommen und von Bismarck 1881 in seine ›Politischen Reden‹ (8, 370) aufgenommen worden; vgl. französisch ›reserrer la vis des impôts‹.
• W. STAMMLER: Seemanns Brauch und Glaube, in: Deutsche Philologie im Aufriß, 2. Auflage Bd. III, Spalte 2901ff.;
O.G. SVERRISDÓTTIR: Land in Sicht (Frankfurt/M. 1987), S. 107-112.
Das Steuer fest in der Hand haben. Zeichnung von Wilhelm Scholz (Am Steuer, 1879), aus dem Bismarck-Album, S. 117.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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