Stock
Über Stock und Stein: über alle Unebenheiten hinweg. Die stabreimende Redensart hat sich noch in einem Kinderlied erhalten:
   Hopp, hopp, hopp,
   Pferdchen, lauf Galopp,
   Über Stock und über Steine.
Die Redensart ist aber wesentlich älter. In Hugos von Trimberg Lehrgedicht ›Renner‹ (12524ff.) heißt es (um 1300):
   über rûch, über sleht, über stein, über stöcke
   sül wir hurren, loufen, springen.
Ein weiterer Beleg dieser Alliteration findet sich im ›Kindheitslied‹ des Meisters Alexander, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelebt hat:
   set, do liefe wir ertberen sûchen.
   von der tannen tzû der bûchen
   Vber stoc vnde vber steyn.
   Der wile daz die svnne scheyn.
Beide Belegstellen beschreiben eine Situation im Wald. Bei den Stöcken handelt es sich hier jedesmal um Wurzelstöcke, Wurzelholz im Wald. »Es ist wohl das Natürlichste, dabei an die Steine und an die sogenannten Wurzelstöcke, die mit den Wurzeln noch in der Erde stehenden Stümpfe abgeschnittener Baumstämme, zu denken, die auf ungebahnten Wegen, besonders im Walde, die Schritte der Wanderer hemmen« (Richter, S. 175).
   Bismarck gebraucht die Wendung ›Einen Stock zwischen die Räder schieben‹ (›Reden‹ 6, 453): »Wenn man zur unrechten Zeit jemand, der sich in einer schwierigen Situation befindet, einen Stock zwischen die Räder schiebt, so ist es möglich, daß der Stock für den Augenblick wirkt«.
   Das sprachliche Bild kommt von den hochräderigen alten Bauern- (Leiter- oder Ernte-) wagen, wobei der Stock zwischen den Rädern unterschiedliche Wirkungen bezwecken konnte: Faßte die Bremse am Hang nicht genug, blockierte der Stock zwischen den Speichen des Rades noch zusätzlich, das nun den Wagen bremste. Saß aber einmal der Wagen im aufgeweichten Boden fest, so vereinte der Fuhrmann die Hebelwirkung des Stockes in den Speichen mit der Kraft seiner Muskeln und der der anziehenden Pferde, um wieder ›flott zu werden‹. Die Redensart kann also sowohl ›fördern‹ als auch ›bremsen‹ bedeuten. Vergleiche auch: Kinder-und Hausmärchen der Brüder Grimm 57, 89 und 163.
   Wie ein Stock dastehen: stumm und steif dastehen, kein Unterhaltungstalent besitzen. Ähnlich die Redensart bei Grimmelshausen (›Simplicissimus‹ I, 12): »... Ich aber stand da wie ein Stockfisch«; als Schelte für den ungelenken Langweiler schon bei Johann Fischart 1572 (›Praktik‹ 15). Dazu die Bildungen: ›Stockdumm‹, ›Stocktaub‹, ›Stocksteif‹, ›Stockfinster‹, ›Stockblind‹. Die Ableitung des Ausdruck ›Ein verstockter Sünder‹, ein störrisch in Bosheit verhärteter Mensch, von dem Strafinstrument, dem ›Stock‹, ist laut Deutsches Wörterbuch 12, 1, Spalte 1761, nicht zutreffend. Ähnlich erklärt Seiler (S. 250) verstockt als unempfindlich wie ein Stock.
   Aber: Im Stock sitzen: gefangensein (vgl. ›Stockhaus‹, ›Stöcker‹ und ›Stockmann‹ für Gefängniswärter).
   Seiler führt auch ›stockfinster‹ auf das Stockhaus zurück, die Redensart bedeute, es sei so finster wie im Stockhaus, im Gefängnis. In älteren Belegen heißt es jedoch ›stickfinster‹, und auch das Substantiv ›Stick‹ ist belegt als niederdeutsche Form für Stich. So heißt es in Hans Sachs' Schwank ›Der faule Fritz im Schranke‹ (108): »kein Stick ich noch nicht sehen kann«. Bereits mittelhochdeutsch findet sich ›stic‹ für ›Stich‹. So sagt man noch heute ›keinen Stich sehen können‹, vgl. auch ›stichdunkel‹. Durch Volksetymologie ist also ›stichfinster‹ zu ›stockfinster‹ geworden, als das Präfix ›stich–‹ nicht mehr verstanden wurde; dieser Vorgang ist relativ früh anzusetzen, denn schon im ›Simplicissimus‹ heißt es ›stockfinster‹.
   ›Er schneidet selbst den Stock, mit dem er geschlagen werden soll‹, er trägt zu seinem eigenen Schaden bei.
   Sich mit einem kurzen Stock wehren: sich schlecht verteidigen.
   Holsteinisch sagt man auch: ›He sleit en goden Stock‹, er weiß sich gut zu wehren, zu verteidigen.
   Jemanden über den Stock springen lassen: jemanden mit List betrügen.
   Am Stock gehen: müde, krank, gebrechlich sein sowohl in körperlicher als auch geistiger Hinsicht, aber auch völlig mittellos, verarmt sein, finanzieller Unterstützung bedürfen. Ähnlich in Westfalen ›metn witten Stocke dervan gan‹ verarmen, vgl. ›Am Bettelstab gehen‹, Stab.
   Feucht in den Schrank gelegte Wäsche wird ›Stockfleckig‹. Göhring (Nr. 407) leitet die Redensart von den Flecken her, die die vom Stockmeister in den Stock (Block) eingeschlossenen Verurteilten durch die Eisenbänder auf der Haut davontrugen.
   Etwas mit dem Stock fühlen (greifen) können, ironisch gebraucht (›Das fühlt [sieht] ein Blinder mit dem Krückstock‹): wenn man jemanden auf eine offensichtliche Tatsache hinweisen will, auch: wenn man etwas für große Aufschneiderei hält, Blinder.
   ›Da kam's Stöckchen zum Hölzchen‹ sagt man und meint, daß zwei Personen oder Dinge gut zueinanderpassen.
   Im oberen Stock nicht mehr ganz sauber sein: sehr dumm sein, verrückt sein (Schwäbisches Wörterbuch 5, 1920, Spalte 1782), Oberstübchen. Diese Redensart bezieht sich auf das Stockwerk unter dem Dach des Hauses, mit dem der in Unordnung geratene menschliche Kopf verglichen wird. Sie hat nichts zu tun mit dem Ausdruck ›stockdumm‹, der auch eine extrem große Dummheit bezeichnet. Stock – als Affix hat generell die Bedeutung sehr, erz-, ganz, völlig, so wie: Stockkonservativ, stockblind, stockdumm.
• A. RICHTER: Über Stock und Stein, in: ders.: Deutsche Redensarten (Leipzig 2. Auflage 1893), S. 174-175; W. SEIBICKE: Über Stock und Stein, in: Der Sprachdienst 22 (1978), S. 9-10; W. MIEDER: Über Stock und Stein, in: Der Sprachdienst 22 (1978), S. 78-79; E. BORNEMANN: Über Stock und Stein, in: Der Sprachdienst 22 (1978), S. 118-119.}
Stockhaus (›Im Stock sitzen‹). Steinhöwel, Esopus, Esopus im Gefängnis des Xanthus.
Stockhaus (›Im Stock sitzen‹). Holzschnitt aus dem ›Layenspiegel‹, Augsburg 1512.
Er schneidet sich selber den Stock, mit dem er geschlagen werden soll. P.e.R., Plate XXIV.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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  • stock — [ stɔk ] n. m. • h. 1656, rare av. fin XIXe; mot angl. « souche » 1 ♦ Quantité de marchandises en réserve. Stocks d un magasin. Constituer, renouveler un stock. ⇒ approvisionnement, provision, réserve. Avoir un article en stock. Stock disponible …   Encyclopédie Universelle

  • Stock — (st[o^]k), n. [AS. stocc a stock, trunk, stick; akin to D. stok, G. stock, OHG. stoc, Icel. stokkr, Sw. stock, Dan. stok, and AS. stycce a piece; cf. Skr. tuj to urge, thrust. Cf. {Stokker}, {Stucco}, and {Tuck} a rapier.] 1. The stem, or main… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • stock — n 1 a: the equipment, materials, or supplies of a business b: a store or supply accumulated; esp: the inventory of the goods of a merchant or manufacturer 2: the ownership element in a corporation usu. divided into shares and represented by… …   Law dictionary

  • stock — [stäk] n. [ME stocke < OE stocc, akin to Ger stock, Du stok, a stick < IE base * (s)teu , to strike, chop > STUMP, STUB] 1. the trunk of a tree 2. Archaic a) a tree stump b) a wooden block or log …   English World dictionary

  • Stock — es una voz inglesa[1] que se usa en español con el sentido de existencias. En el lenguaje comercial y financiero su empleo como anglicismo es frecuente, y por ello la RAE recomienda evitarlo y utilizar las voces en español correspondientes a cada …   Wikipedia Español

  • stock — ► NOUN 1) a supply of goods or materials available for sale or use. 2) farm animals bred and kept for their meat or milk; livestock. 3) the capital of a company raised through the issue and subscription of shares. 4) (stocks) a portion of a… …   English terms dictionary

  • Stock — steht für: einen länglichen zylindrischen Gegenstand, siehe Stock (Stab) Stock (Familienname), der Familienname Stock Stock (Spirituosen), ein Spirituosenhersteller in der Botanik ein Sprossachsensystem (auch Wurzelstock), siehe Rhizom (Botanik)… …   Deutsch Wikipedia

  • Stock — (st[o^]k), v. t. [imp. & p. p. {Stocked} (st[o^]kt); p. pr. & vb. n. {Stocking}.] 1. To lay up; to put aside for future use; to store, as merchandise, and the like. [1913 Webster] 2. To provide with material requisites; to store; to fill; to… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • Stock — Stock, a. Used or employed for constant service or application, as if constituting a portion of a stock or supply; standard; permanent; standing; as, a stock actor; a stock play; a stock phrase; a stock response; a stock sermon. A stock charge… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • stock — s.m.inv. ES ingl. {{wmetafile0}} 1a. consistente quantità di merce giacente in un magazzino, pronta per essere venduta spec. in blocco; merce, articoli di stock, a prezzo di stock: venduti a prezzo particolarmente conveniente perché fondi di… …   Dizionario italiano

  • stock — [adj] commonplace banal, basic, common, conventional, customary, dull, established, formal, hackneyed, normal, ordinary, overused, regular, routine, run of the mill*, set, standard, staple, stereotyped, traditional, trite, typical, usual, worn… …   New thesaurus

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