Streich
Auf einen Streich: auf einmal, eigentlich: auf einen Schlag des Fechters; vgl. französisch ›d'un seul coup‹.
   »Sieben auf einen Streich« rühmt sich das Schneiderlein, als es sieben Fliegen mit einem Schlag sofort totgeschlagen hatte (Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm 20). In Fischarts ›Gargantua‹ wird bereits auf das Märchen angespielt: »Ich will euch töten wie die Mucken, neun auf einen Streich, wie jener Schneider«. Ein Beleg aus dem 17. Jahrhundert für diese Redensart findet sich in C. Dietrichs ›Erklärungen über den Propheten Nahum in 63 Predigten‹ (Ulm 1658): »14 Mucken, wie jener Schneider sagte, auf ein Streich erschlagen«. Die Feststellung Der schlägt mit einem Streich zwei Fliegen zu Tode: er erledigt zwei Aufgaben in einem Arbeitsgang, entspricht der häufigeren Wendung ›Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen‹. Im Mittelhochdeutschen ist das Wort Streich nur im Sinne von Schlag, Hieb bezeugt. Heute wird es nur noch selten in dieser Bedeutung angewandt, die sich aber in den Redensarten erhalten hat.
   Da geht kein Streich verloren, außer der danebengeht: jemand hat seine Prügel verdient. Diese schlagkräftige Erziehungsmethode galt früher als die beste, und man glaubte, daß Kinder unbedingt Schläge bekommen müßten, um zu rechtschaffenen Menschen heranzuwachsen. Davon zeugen auch die verschiedenen mundartlichen Wendungen: ›Bei Kinnern gihn kan Strech verlohn, als die, wu dernewigt gihn‹ (Rheinland); ›Es isch ke Streich verlorn ass wied, wo denewe fällt‹ (Lothringen); ›Kae Straehh vo'lo'n, als der de'nebn gêht‹ (bairisch).
   An dem ist jeder Streich verloren: alle Bemühungen, ihn zu bessern, bleiben erfolglos, er ist ein Taugenichts.
   Daß man auch durch zu viele Prügel Schaden nehmen kann, besagt die Feststellung: Er hat einen Streich zuviel gekriegt: er ist nicht ganz normal, Schlag.
   Einen Streich in die Luft (ins Wasser) tun: sich vergeblich bemühen, ohne Erfolg bleiben. Die Redensart ist auch mundartlich verbreitet: ›Es ist grad, man tu'n Straich in den Bach‹ (schwäbisch) und ›Das is a Strach ins Wasser‹ (wienerisch). Vergleiche auch niederländisch ›Het is een houw in de lucht‹ und französisch ›donner un coup d'épée dans l'eau‹.
   In einigen Redensarten bedeutet Streich eine sehr kurze Zeitspanne, die nur so lange dauert wie der Schlag einer Uhr: ›ein Strech fort sein‹ (rheinisch), nur einen Moment abwesend sein; ›alle Straich‹ (schwäbisch), jeden Augenblick, fortlaufend; ›auf dem Straich‹ (bairisch), auf der Stelle, sofort, vgl. auch französisch ›tout à coup‹; ›kene Strech halen‹
(rheinisch), keinen Bestand haben.
   Zu Streich kommen: eine Sache meistern, gut mit etwas (jemandem) zurechtkommen, dagegen: Nicht zu Streich kommen: nicht vorankommen, mit einer Arbeit nicht fertig werden.
   Mit einem gut zu Streich kommen: sich mit jemandem gut verstehen, bestens mit ihm auskommen, eine Übereinkunft erzielen. Lexer weist auf den möglichen Zusammenhang dieser Redensarten mit der Versteigerung: wer einen gewünschten Gegenstand sofort kaufen kann, ist ›Zu Streich gekommen‹, denn es wird nach der Nennung der Kaufsumme mit dem Hammer zum ersten, zweiten und dritten Mal geschlagen, wenn keine weitere Steigerung erfolgt. Die Redensart ist auch mundartlich bezeugt, zum Beispiel westfälisch ›te streke kuemen‹; schwäbisch ›ordentlich z'Stroich komma‹.
   Keinen Streich tun: herumtrödeln, nichts arbeiten, nicht das mindeste tun. Die Wendung ist überaus häufig, auch in den Mundarten: bairisch ›net en straehh tun‹; westfälisch ›hai brenget nicks te sträeche‹; tirolerisch ›kuan stroach nit thun‹.
   Das kommt mir wie ein kalter Streich: das trifft mich ganz unerwartet. Der Streich ist hier der kalte Schlag, der Blitz, der nicht zündet, vgl. ›Wie ein Blitz aus heiterem Himmel‹.
   Sich großer Streiche rühmen: mit seinen angeblichen Taten prahlen. Bereits 1515 findet sich für diese Redensart ein Beleg in Hauers ›Grammatik‹: ›gross straich sagen‹. In den Mundarten ist die Wendung noch lebendig: ›Mach kani solch'n strach!‹, brüste dich nicht so, spiel dich nicht so auf!, heißt es zum Beispiel in Wien. Im Schwäbischen bedeutet die Wendung ›Streiche sage‹ Zoten reißen. Der Bedeutungswandel von Streich zu dem heute üblichen Sinn von mutwilliger Handlung, Schabernack ist wahrscheinlich über die Bedeutung Unternehmen, Staatsstreich (1678 als Verfassungssturz bezeugt) erfolgt. Im 18. Jahrhundert trat dann eine Verharmlosung ein, die nun von lustigen, dummen, losen, tollen Streichen sprechen läßt. Am häufigsten wird die Redensart Jemandemeinen Streich spielen gebraucht, wobei ›spielen‹ ironisch zu verstehen ist und ›Streich‹ entweder eine geplante, schändliche Tat sein kann, die einem anderen Schaden oder zumindest Ärger zufügt, oder nur der lustige Einfall, der necken oder verspotten soll. Goethe gebraucht in seinem ›Clavigo‹ (Ende des II. Aktes) die ähnliche Wendung: »Da macht wieder jemand einmal einen dummen Streich«, und Wilhelm Busch gliedert seine lustige Geschichte von ›Max und Moritz‹ in 7 Streiche (1865) und kündigt sie im Text immer auf ähnliche Weise an:
   Dieses war der erste Streich.
   Doch der zweite folgt sogleich.
Auch in den Mundarten ist die Redensart vorhanden und fest mit dem Verb ›spielen‹ verbunden, zum Beispiel sagt man in Köln, wenn man sich an jemandem rächen möchte: ›Dem spille ich noch ens ne Streich, datte sie levelang dran denke weed‹. Vergleiche auch niederländisch ›Iemand een trek spelen‹; englisch ›to play a person a trick‹ und französisch ›jouer un tour à quelqu'un‹.
   Von einem, der immer lustige Einfälle hat und andere gern neckt, heißt es: Der steckt voller Streiche oder Er hat nichts wie Streiche im Kopf, mundartlich kölnisch ›Dä hät nix wie domm Streiche em Kopp‹, anders im Niederländischen ›Hij heeft streken onder zijn'staart‹. Beliebt sind auch redensartliche Vergleiche zur Steigerung: Er steckt voller Streiche wie ein alter Weiberpelz voller Flöhe; ›Er ist voller Streiche wie der Bock voller Lorbeeren‹ (preußisch); ›Hei ös voll Streich wie de Sû voller Farkel‹, sagt man in Niederdeutschland; vgl. auch englisch ›He has as many tricks as a dancing bear‹. Er hat seine Streiche gemacht: er ist ernster und gesetzter geworden, er hat sich ›Die Hörner abgestoßen‹.
   Nichtsnutzige und törichte Handlungen benennt man auch nach Personen oder Orten, die durch sie berühmt geworden sind. Die Wendung Das ist ein Eulenspiegelscher Streich bezeichnet etwas Närrisches und bezieht sich auf Eulenspiegel, der sich als das Abbild des Bauern durch erheuchelte Einfalt und das Wörtlichnehmen seiner Aufträge an den verachteten Städtern im 14. Jahrhundert gerächt hat. Die ihm zum Teil nur angedichteten Streiche wurden im 15. Jahrhundert im ›Niederdeutschen Volksbuch vom Eulenspiegel‹ gedruckt und verbreitet.
   Ebenso bekanntgeworden sind die ›Schwabenstreiche‹, die bereits im 16. Jahrhundert in Deutschland als ›Schwabenstücke‹ bekannt waren. Die eigentliche Heimat dieser Streiche ist das im Filstal gelegene Dorf Ganslosen. Deshalb sagt man in Württemberg auch: ›Das ist ein Gansloser Streich‹. Fast jedes Land, jede Gegend verlegt an einen bestimmten Ort die Quelle des Narrentums. Davon zeugen noch zahlreiche Wendungen, die zum Teil nur regionale Geltung besitzen: ›Es ist ein Lalenburger Streich‹ Schildbürger; ›ein Karauner Streich‹ (Tirol); ›ein Büsumer Streich‹ (Holstein); ›'ne Kölnsche Strech‹ (Rheinland); ›Ein Schöppenstädter Streich‹ (Braunschweig); ›ein Lichtenauer Streich‹. (Ostpreußen). Erst aus dem vorigen Jahrhundert stammt die Redensart ›Es ist ein Müllhauser Streich‹.
• E. STRASSNER: Schwank (Stuttgart 1968); W. HÄVERNICK: »Schläge« als Strafe (Hamburg 4. Auflage 1970); L. RÖHRICH: Till Eulenspiegels ›lustige‹ Streiche?, in: Eulenspiegel-Jahrbuch 21 (1980), S. 17-30.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Streich — der; (e)s, e; 1 eine Handlung, mit der besonders ein Kind jemanden zum Spaß ärgert, täuscht usw <ein frecher, lustiger, übermütiger Streich; Streiche aushecken, machen>: Kennst du Wilhelm Buschs Geschichte über die Streiche von Max und… …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • Streich — Streich: Das Substantiv mhd. streich »Schlag, Hieb«, dem gleichbed. engl. stroke entspricht, ist eine Bildung zu dem unter ↑ streichen behandelten Verb in dessen heute veralteter Bedeutung »schlagen«; beachte die Zusammensetzungen Backenstreich… …   Das Herkunftswörterbuch

  • Streich — Sm std. (12. Jh.), mhd. streich Hieb Stammwort. Ableitung zu streichen. Im 17. Jh. bekommt es die Bedeutung unerwarteter Schlag, Handstreich, Schelmenstück (unter Einfluß von frz. coup ?) und wird heute hauptsächlich in dieser Bedeutung gebraucht …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Streich — [Aufbauwortschatz (Rating 1500 3200)] Auch: • Trick Bsp.: • Lass diese Tricks! • Die Jungen spielten dem alten Mann einen gemeinen Streich …   Deutsch Wörterbuch

  • Streich — Streich, 1) Hieb od. Schlag mit einer ziehenden Bewegung; 2) eine Züchtigung, welche aus Schlägen besteht; 3) der Hin u. Hergang des Pendels; zwei S e machen eine Schwingung aus; 4) Trommelschläge in verschiedenen Zusammensetzungen von den… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Streich — ↑Coup, ↑Eskapade …   Das große Fremdwörterbuch

  • Streich — Streich, der; [e]s, e …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Streich — 1. Auf den ersten Streich fällt kein Baum. – Straub, 8. 2. Auf Einen Streich fällt keine Eich . – Parömiakon, 1194. 3. Auff einn streych gehört ein versetzung. – Franck, II, 151a. 4. Der erst streich gilt zween. – Lehmann, 447, 20; Winckler, XIII …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Streich — Ulk; Coup; gelungener Streich; Kniff; List; Hinterlist; Trick; Finte; Tücke; Mätzchen (umgangssprachlich); Schelmenstreich; …   Universal-Lexikon

  • Streich — Kinderstreich (Luigi Crosio) Der Streich (auch Schabernack) ist eine mutwillige oder (hinter)listige Handlung gegen andere, die keine schlimme Folge hat. Die Redewendung „jemandem einen Streich spielen“ stammt aus dem 18. Jahrhundert. Das… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”