Binse
In die Binsen gehen: verlorengehen, verschwinden; ertrinken und verderben. Bereits Notker versuchte eine Worterklärung und leitete Binse von ›bi nasz‹ her: ›der binez, pezeichenet immortalitatem, wanda er io gruone ist fono dero nazi, an dero er stât, unde dannan er namon habet‹ (Marc. Cap. 104). Obwohl diese Ableitung zweifelhaft ist, erscheint doch die Tatsache, daß Binsen am und im Wasser wachsen, für die Entstehung der Redensart wichtig.
   Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Wendung geht vermutlich auf die Jägersprache zurück, denn die vor dem Hund flüchtende Wildente rettete sich ins Wasser und versteckte sich in den Binsen. Damit war sie für den Jäger verloren, ähnlich wie das Wild, das ihm ›in die Wicken ging‹ und in deren Ranken und Schlingen nicht mehr aufgefunden werden konnte. In übertragener Bedeutung kann heute z.B. ein Auftrag oder ein Angebot ›in die Binsen gehen‹ und eine Sache ›Ins Wasser fallen‹. Außerdem benutzen wir die Redensart zur Umschreibung für ›ins Wasser gehen‹ und sterben. ›He (dat) is in de Binsen gahn‹ sagt man z.B. in Schleswig-Holstein, wenn jemand gestorben oder etwas entzweigegangen ist; vgl. ›In die Wicken‹, ›In die Rüben‹, ›In die Pilze gehen‹.
   Auch mit dem Fischgang kann die Redensart in Verbindung gebracht werden. Besonders in Ostpreußen wurden aus Binsen Reusen zum Fang von Krebsen und Fischen hergestellt. Was sich in den Binsen verfing, war verloren und mußte sterben. Darauf weist die in Preußen bekannte Wendung ›De es echt in de Binsen‹, er sitzt in der Klemme, seine Lage ist verzweifelt. Da die Binsen auch zum Ausbessern von schadhaften Stellen an Dächern und Fachwerk benutzt wurden, offenbarte der, der ›In die Binsen gehen‹ mußte, ebenfalls seine Armut und besondere Notlage.
   Die Verwünschung Geh hin, wo die Binsen wachsen! ( Pfeffer) macht deutlich, daß mit den Binsen eigentlich das Wasser gemeint ist.
   Daß die Binsen allgemein bekannt waren, zeigen die redensartlichen Vergleiche ›den Kopf henken wie ein binz‹ und niederdeutsch ›A es schlank wie e Bees‹.
• A. ENGLERT: Zu den Ausdrücken »in die Binsen gehen«, »in die Pilze gehen«, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 7 (1893), S. 626; B. BUCKRUCKER: »In die Binsen, in die Wicken gehen«, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 13 (1899), S. 281; O. WEISE: In die Wicken gehen, flöten gehen und Verwandtes, in: Zeitschrift für hochdeutsche Mundarten 3 (1902), S. 211-217; W. DICKERTMANN: »In die Binsen gehen«, in: Muttersprache 69 (1959), S. 233-234; P. ABL und W. SEIBICKE: »In die Binsen gehen«, in: Muttersprache 70 (1960), S. 31; L. RÖHRICH und G. MEINEL: Redensarten aus dem Bereich der Jagd und der Vogelstellerei, S. 319; W. DANCKERT, Symbolik III, S. 840 ff.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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