Vater
Ach du dicker Vater! (auch Ach du dicker Vater, hast du dünne Kinder!): Ausruf der Überraschung und des Erstaunens; berlinerisch seit etwa 1900.
   Dagegen heißt Seinem Vater nachschlagen: ihm auffällig ähnlich sehen, sein Wesen, seine Fähigkeiten, aber auch seine Fehler und schlechten Gewohnheiten besitzen. Dasselbe meint die Feststellung: Der ist ganz sein Vater! Ähnlich: Er ist seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten. Vergleiche niederländisch ›De vader mag hem niet verloochenen‹; französisch ›C'est tout-à-fait son père‹.
   Der will seinen Vater lehren Kinder machen: er dünkt sich überklug. Sebastian Franck (II, 34a) schreibt dafür: »Er ist auff seines vatters hochzeit gewesen«. Vergleiche ›Das Ei will klüger sein als die Henne‹, und niederländisch ›Hij will zijn vader kinderen leeren maken‹.
   Vor dem Vater in die Schüssel fahren: sich ohne Rücksicht auf das Alter vordrängen, eigentlich beim gemeinsamen Essen aus einer Schüssel nur an sich denken und das Beste für sich beanspruchen.
   Auf Vaters Sohlen gehen: scherzhafte preußische Umschreibung für barfuß gehen. Ebenfalls humoristisch gemeint ist die Frage Dein Vater war wohl Glaser?, wenn jemand einem anderen beim Arbeiten im Licht steht oder ihm die Aussicht versperrt.
   Die Mundarten verwenden Umschreibungen für die uneheliche Geburt. Wenn der Vater nicht zu ermitteln ist, heißt es z.B. in Henneberg: ›Dam sei Voatter is off en Nössbâm dersoff'n‹. In der Eifel steht statt des ›Nußbaumes‹, der beim Volksglauben an die Herkunft der Kinder eine besondere Rolle spielt, der ›Kirschbaum‹. In Iserlohn sagt man von einem unehelich Geborenen: ›Sin Vâr is im Häcksel verdrunken‹. Der Häcksel wurde auch zur Verspottung eines Paares vor die Häuser gestreut, wenn die Braut vor der Hochzeit ein Kind erwartete.
   Zu seinen Vätern versammelt werden: eine Umschreibung für sterben, die bereits biblischer Herkunft ist und im Buch der Ri 2, 10 und 2 Kön 22, 20 verwendet wird, da die Vorstellung besteht, daß sich die Verstorbenen wieder vereinen werden. Vergleiche niederländisch ›tot zijn vaderen gaan‹; französisch ›retourner à ses pères‹.
   Von dieser biblischen Redensart abgeleitet sind die Wendungen: Er wird zu seinen Vätern gehen: er wird bald sterben, vgl. niederländisch ›Hij zal wel tot de vaderen komen‹, und Er ist zu den Vätern gegangen: er ist bereits gestorben, vgl. niederländisch ›Hij is al voor lang naar de oudvaderen gereisd‹; zeitlich.
   Sein Vater würde sich im Grabe umdrehen (umkehren), wenn er es wüßte, heißt es, wenn sein Sohn einen schlechten Lebenswandel führt oder wenn er schlecht behandelt wird und im Elend leben muß. Vergleiche französisch ›se retourner dans sa tombe‹.
   Neuere Wendungen sind: Der geistige Vater von etwas sein: der Urheber sein; berlinerisch ›der Vater vons Janze‹, der eigentliche Mittelpunkt, Antrieb, Anführer und Leiter sein. ›(Alles aus), dein treuer Vater!‹: scherzhaft: nun ist Schluß, jetzt gibt es keine Möglichkeit mehr. Die Wendung fingiert den Schluß eines Briefes. ›Vater‹ wird auch als Bezeichnung Gottes gebraucht. Vaterunser.
   Ebenso üblich, in neuerer Zeit: ›Vater Staat‹. Den Vater Staat bezahlen lassen: nicht selbst für eine Verpflichtung aufkommen, die Lasten der ›Staatskasse‹ und somit den anderen Staatsbürgern zuschreiben.
   Der ›Vater des Vaterlandes‹ ist eine Übersetzung von lateinisch ›pater patriae‹ und bezeichnet einen besonders gütigen, wohlmeinenden, weisen Staatslenker. Mit diesem Ehrennamen begrüßte man Cicero nach der Hinrichtung der Catilinarier. Aber auch Petrarca könnte der Schöpfer dieses Ausdrucks sein (Büchmann).
   Auch ältere Männer werden ›Vater‹ genannt: ›Vater Gleim‹, ›Turnvater Jahn‹, ›Papa Heuss‹; sogar Witterungserscheinungen: ›Väterchen Frost‹.
   Der Rhein als der ehrwürdigste der deutschen Ströme heißt ›Vater Rhein‹; so nannte ihn schon im 17.
Jahrhundert Martin Opitz.
   ›Ubi bene, ibi patria‹: Wo (es mir) gut (geht), da (ist mein) Vaterland. Dieses lateinische Sprichwort hat mehrere literarische Parallelen; zuerst bei Aristophanes, im ›Plutos‹ (V. 1151): »Ein Vaterland ist jedes (Land), wo es einem gut geht«. In der deutschen Literatur ist es mehrfach belegt; hier zwei Beispiele: Fr. Hückstädts (1781-1823) Liedanfang: »Froh bin ich und überall zu Hause« hatte als Quelle wahrscheinlich Ciceros Übersetzung des Aristophanes (»Patria est, ubicumque est bene«). Fr. Schiller schreibt in ›Huldigung der Künste‹ (1804): »Wo man beglückt, ist man im Vaterlande« (Büchmann).
• ANONYM: Über das Sprichwort ›Wo es dir wohl geht, da ist dein Vaterland‹ in: Genius der Zeit (1794) Nr. 9; (1795) Nr. 6; M. BETH: Artikel ›Vater‹, in Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VIII, Spalte 1503-1513.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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