Bissen
An einem harten Bissen zu kauen haben: eine unangenehme Sache durchstehen müssen. Ursprünglich verband man mit dem Begriff ›Bissen‹ das Lebensnotwendige, ein Stück Brot:
   » ... und ich wil euch einen Bissen Brots bringen« (Gen 18,5). Er ist die kleinste Mengenbezeichnung einer festen Speise.
   Im Mittelalter hing oft das Leben eines Menschen von einem solchen Bissen ab, da er als Probebissen galt, mit dem ein Gottesurteil angerufen wurde. Zur Prüfung des Wahrheitsgehaltes seiner Aussage wurde einem des Diebstahls Beschuldigten, der sich als unschuldig ausgab, ein Stück Käse oder trockenes Brot von bestimmtem Gewicht in den Mund gestopft. Konnte er den Bissen ohne Mühe schlucken, war das ein Beweis für seine Unschuld. Blieb er ihm jedoch im Halse stecken, so galt er als schuldig und der Erstickungstod als gerechte Strafe.
   Auf diesen Probebissen lassen sich viele Redensarten zurückführen, so z.B.: Jemandem bleibt der Bissen im Halse stecken, d.h.er ist gelähmt vor Entsetzen (französisch: ›j'ai le souffle coupé‹). In Zusammenhang damit steht auch die Verwünschung: ›Der Bissen möge ihm im Halse stecken bleiben‹. Ähnlich: An einem schlechten Bissen kauen: mit einer üblen Sache zu tun haben; Den Bissen schlucken: das Unangenehme hinnehmen; Der Bissen quillt ihm im Halse: er droht vor Unbehagen zu ersticken, die Sache wird immer unangenehmer.
   Wie Forschungsergebnisse aus anderen Ländern zeigen, spielt der Bissen auch im außereuropäischen Raum eine große Rolle. Mit ihm sind gute, meist aber schlimme Vorbedeutungen verbunden. So gilt der zur Erde gefallene Bissen fast überall als nicht gegönnt. Dasselbe sagt man, wenn der Bissen drückt ( Kloß im Halse). Nach jüdischem Volksglauben darf man beim Essen nicht sprechen, damit der Bissen nicht in die falsche Kehle kommt ( Kehle). Vielerorts glaubte man, daß Gott dem Adam, als er vom Apfel essen wollte, an die Kehle griff und daß ihm der Bissen im Halse stecken blieb; womit der Adamsapfel erklärt wird (vgl. L. Röhrich, Adam und Eva [Stuttgart 1968], S.155).
   Bei vielen Völkern galten die besten Bissen als Ehrenbissen, die z.B. den jungen Helden nach Beendigung einer siegreichen Schlacht gereicht wurden. Bei den Arabern ist es der Gast, der die besten Bissen erhält. Auf ähnlichen Vorstellungen beruht wohl auch die bei uns bis heute noch erhaltene Redensart Jemandem die besten Bissen zustecken: ihm Vorteile verschaffen. Andere Redensarten wiederum drücken das Gegenteil aus: Jemandem die Bissen im Munde zählen, d.h. ihm nichts gönnen. Jemandem die Bissen vom Munde wegnehmen: ihn übervorteilen.
   Auf eine hartnäckige Angelegenheit gemünzt ist der Ausspruch: An dem Bissen hat er noch lange zu kauen, d.h. er hat das Unangenehme noch lange nicht hinter sich. Ähnlich die Redensart Das ist ein zäher Bissen: sich mit einem hartnäckigen Verhandlungspartner abplagen müssen.
   Keinen Bissen herunter (hinunter) bekommen (anrühren können): Angst haben vor einer unangenehmen Sache, Furcht vor ›Starken Brocken‹ ( Brocken).
   Eine neuere Wendung ist: Sich einen fetten Bissen angeln: einen dicken Auftrag sichern, der großen Gewinn abwirft. Ähnlich: Einen fetten Bissen abbekommen haben. Beide Redensarten sind als Begleiterscheinung der Ausschreibungs- und Vergabepraxis im Baugewerbe entstanden.
   Auf den Ursprung, auf das Lebensnotwendige weist dagegen: Sich jeden Bissen vom Munde absparen müssen: nur unter äußerstem Verzicht sich oder anderen einen Wunsch erfüllen können ( Mund).
• F. ECKSTEIN: Artikel ›Bissen‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I, Spalte 1343-1347; L. RÖHRICH und G. MEINEL: Reste mittelalterlicher Gottesurteile in sprichwörtlichen Redensarten, in: Alemannisches Jahrbuch (Bühl/Baden 1970), S.341-346; A. ERLER: Artikel ›Gottesurteil‹, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte I, Spalte 1769-1773.
Der Bissen bleibt einem im Halse stecken. Gottesurteil mit Probebissen, 1562, aus: ›Die Wickiana‹, 16. Jahrhundert, herausgegeben von M. Senn, Küsnacht-Zürich 1975, S. 100.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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