Verstand
Nur den Verstand sprechen lassen: ganz konsequent handeln, ohne auf Gefühle Rücksicht zu nehmen. Dagegen: Wider den Verstand handeln: gegen besseres Wissen, töricht, ohne Einsicht handeln. Seinen Verstand zusammennehmen: sich sehr anstrengen und sich auf eine Aufgabe konzentrieren.
   Etwas mit Verstand genießen: etwas wie ein Kenner zu würdigen wissen, sich des Besonderen bewußt werden. Diese Redensart begegnet häufig auch als Aufforderung: ›Iß es mit Verstand!‹, vor allem, wenn es der Rest einer extra für jemanden aufbewahrten köstlichen Speise ist.
   Jemandem bleibt der Verstand (vor Ehrfurcht, parodiert auch: vor Erfurt) stehen: der Verstand scheint bei etwas Unbegreiflichem nicht mehr zu funktionieren und wird hierbei einem Uhrwerk verglichen; in einer berlinerischen Parodie auf ein bekanntes Kirchenlied heißt es:
   Wenn ich dies Wunder fassen will,
   So steht mein Jeist vor Erfurt still.
   Kein endlicher Verstand ermißt,
   Wie jroß die Festung Erfurt ist.
Ähnlich schreibt Schiller in ›Kabale und Liebe‹ (III, 2): »Mein Verstand steht still«.
   Sich den Verstand verrenken: angestrengt nach Lösungen oder Auswegen suchen. Die Redensart beruht auf einem Vergleich mit großen körperlichen Anstrengungen der Sportler, die unter Umständen zu Verletzungen und Verrenkungen der Glieder führen können.
   Für jemandes Verstand fürchten: sich um jemanden sorgen, der sich plötzlich unberechenbar wie ein Verrückter verhält.
   Den Verstand verlieren: sich zu unsinnigen Taten hinreißen lassen, über einem Unglück verzweifeln, wahnsinnig werden; vgl. französisch ›perdre la raison‹.
   Mit seinem Verstand (Latein) am Ende sein, Latein: etwas nicht begreifen können, weil es das Fassungsvermögen übersteigt, keinen Ausweg, keine Hilfe wissen.
   Häufig erscheint der Verstand in den Redensarten zur Umschreibung der Dummheit. Die Feststellung Er wächst aus dem Verstande heraus meint: er wird täglich dümmer, mit zunehmendem Alter nimmt der Verstand ständig ab statt zu. Ähnlich die Sprichwort-Parodie: ›Verstand kommt mit den Jahren: Je öller, je döller‹. Scherzhaft heißt es auch: Er hat zuviel Verstand, um einen Esel Kollege zu nennen.
   Durch Lokalisierung des Verstandes an unpassenden Stellen soll ebenfalls ausgedrückt werden, daß er seine Funktion nicht zu erfüllen vermag. So sagt man z.B.: Der hat seinen Verstand im Ellenbogen, oder: in der Kniescheibe. Vergleiche niederländisch ›Hij heeft een goed verstand, maar het zit wat diep‹.
   Hält man jemanden für plötzlich nicht recht gescheit, fragt man ihn: Du hast wohl deinen Verstand in der Garderobe abgegeben?, oder man stellt fest: Er hat seinen Verstand in der Tasche. Vergleiche niederländisch ›Hij heeft het verstand in den zak‹.
   Überlegene Klugheit meint dagegen die Redensart: Mehr Verstand im kleinen Finger als ein anderer im Kopfe (im ganzen Leibe) haben.
   Im Englischen gibt es ein Sprichwort, das mit der letztgenannten Redensart zusammenhängt. Es wird gesagt: ›The German's wit is in his fingers‹. Der sogenannte ›Gesunde Menschenverstand‹ heißt da: ›the horse-sense‹.
• G. SARGANECK: Verstand kommt nicht vor den Jahren (Halle 1741/42); C.P. HALE: Horse-sense, in: American Notes and Queries 9, 2 (1898), S. 131; E. BENSLEY: The German's wit is in his fingers, in: American Notes and Queries 9, 10 (1902), S. 113.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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