Wald
Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen nennt man es, wenn einer unmittelbar vor dem Ding steht, das er sucht, und es trotzdem nicht sieht; ähnlich spottet man in Norddeutschland: ›He sitt up't Perd un söcht derna‹. In der vorliegenden redensartlich gewordenen Form geht die Wendung auf Christoph Martin Wieland (1733-1813) zurück, der im ›Musarion‹ (Buch 2, V. 142 [1768]) sagt:
   Die Herren dieser Art blend't oft zu vieles Licht;
   Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Wieland hat die glücklich geprägte Wendung in seiner ›Geschichte der Abderiten‹ ([1774], V. 2), in der Schrift ›Über die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechtes‹ (1777) und in Horazens Briefen, aus dem Lateinischen übersetzt (1782), wiederholt. Blumenauer bestätigt diese Autorschaft durch ›Aeneis‹ (II, Strophe 9):
   Er sieht oft, wie Herr Wieland spricht,
   Den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Aber Wieland hat nur die Form und nicht den Gedanken geprägt. Dieser findet sich schon bei Ovid (›Tristia‹ V. 4, 9f.):
   Nec frondem in silvis nec aperto mollia prato
   Gramina nec pleno flumine cernit aquas.
(= Weder die Blätter im Walde noch auf sonniger Wiese das zarte Gras noch im strömenden Fluß weiß er das Wasser zu sehn); vgl. auch Properz (I, 9, 61): »Medio flumine quaerere aquam« (mitten im Fluß das Wasser suchen). Auf Ovid beruht wohl auch der Vers von Hagedorn in dem moralischen Gedicht ›Horaz‹ (Hamburg 1751):
   Wie Democrit vertieft er sich in Träume,
   Sitzt in dem Wald und sucht im Walde Bäume.
   (Vergleiche Büchmann).
Goethe schreibt in den ›Materialien zur Geschichte der Farbenlehre‹: »Man sieht lauter Licht, keinen Schatten, vor lauter Heilung keinen Körper, den Wald nicht vor Bäumen; die Menschheit nicht vor Menschen«. Vergleiche französisch ›Les arbres lui cachent la forêt‹ (wörtlich: Die Bäume verbergen ihm den Wald).
   Jemanden in den Wald wünschen: jemanden verwünschen. Die Redensart ist nur noch im Mittelhochdeutschen belegt, so z.B. bei Walther von der Vogelweide. Ein politischer Spruch Walthers (75) ist an Leopold von Österreich gerichtet: »Herzoge ûz ôsterrîche, lâ mich bî den liuten, wünsche mir ze velde und niht ze walde: ichn kan niht riuten«. Der Herzog hatte Walther »in den Wald gewünscht«, also verwünscht in eine unwirtliche, gefährliche Gegend, Pfeffer. Der Dichter entgegnet, indem er mit Scherz und Wortspiel den »Wunsch« zurückgibt.
   Im Walde aufgewachsen sein: kein gesittetes Benehmen haben; Sind wir im Wald? ist dementsprechend eine zurechtweisende Frage an einen, der sich ungesittet benimmt; Im Wald wohnen: dumm sein, sich dumm stellen. Nicht für einen Wald voll Affen: durchaus nicht, um keinen Preis; scherzhaft übertreibende Wendung, ursprünglich wohl berlinerisch
   Einen ganzen Wald absägen: scherzhaft: sehr laut schnarchen, sägen.
   Im ›Jägerlied‹ von Wilhelm Bornemann heißt es: »Im Wald und auf der Haide, da such' ich meine Freude ... »(1816); ebenso ›geflügelt‹ ist der Anfang des Gedichts ›Knecht Ruprecht‹ von Theodor Storm geworden: »Von drauß' vom Walde komm' ich her« (1853); dies sagt man manchmal, wenn man von weit herkommt oder auch auf die Frage: ›Woher kommst Du?‹ nicht antworten will.
   Marke deutscher Wald; Wald und Wiese; Wald, Wiese und Bahndamm: minderwertiger Tabak, selbstangebauter Tabak mit Tee vermischt; 1914/18 aufgekommen; wiederaufgelebt in und während des 2. Weltkriegs (Küpper). Das bekannte Sprichwort ›Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus‹ ist auch bildlich dargestellt und dabei ganz wörtlich genommen worden.
• W. WACKERNAGEL: In den Wald wünschen, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 2 (1842), S. 537-540; ANONYM: Die deutsche Redensart: Den Wald vor (lauter) Bäumen nicht sehen, in: Zeitschrift für deutsche Sprache, Hamburg (1890), S. 193-194; W. BAUMGART: Der Wald in der deutschen Dichtung, in: Stoff- und Motivgeschichte der deutschen Literatur 15 (Berlin 1936); D. REBHOLZ: Der Wald im deutschen Märchen (Diss. Heidelberg 1944); L. SCHMIDT: Sprichwort deutsche Redensarten, in: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 77(1974), S. 128; CH. WEHR: Der Wald in der deutschen Dichtung und im Märchen (Dipl. -Arbeit, Freiburg 1983).}
Schilderwald – Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Karikatur von Haitzinger, vom 24.I.83. Aus: DER SPIEGEL, Nr. 6, 1983.
Das Feld hat Augen – der Wald hat Ohren. Federzeichnung von Hieronymus Bosch (um 1450-1516). Aus: Kupferstichkabinett, Staatliche Museen, Preußischer Kulturbesitz, Stuttgart und Zürich 1980, S. 27, Abbildung 7.
Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Jacob-Cats: Proteus, 3, 1 Rotterdam 1627, aus: Henkel und Schöne, Spalte 69.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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