Winkelholz
Winkelzüge machen: Ausflüchte suchen, nicht geradeheraus reden, ausweichend antworten, Vorwände machen. Die Redensart tritt literarisch seit dem 16. Jahrhundert auf. Burkard Waldis schreibt:
   mit schel, schief sehen vnd mit mawlen,
   mit winckelzügen, heymlich schawlen,
   mit vbelwünschen, schelten, fluchen ...
   (›Streitgedichte gegen Herzog Heinrich d.J.‹ 37, Neudruck).
1663 findet sich bei Schottel (›Teutsche Hauptsprach‹ 439): »wenn ihr ... anstatt rechtzusprechen, tausend winkelzüge macht«. Seltener erscheinen die Winkelzüge ohne abschätzigen Beiklang im Sinne von gewitztem, schlauem Vorgehen: »Durch Winkelzüge und Fragen kriegt ichs aus dem Lehrer heraus, daß weiter nichts passiert war« (Bettina v. Arnim, Die Günderode [1840], I, 186).
   Die Redensart ist mundartlich besonders im Niederdeutschen beliebt. Anhänger Bismarcks, die ›Getreuen von Jever‹ in Oldenburg, sandten dem Kanzler jedes Jahr zu seinem Geburtstag am 1. April die von ihm hochgeschätzten Kiebitzeier. Als die Kiebitze eines Jahres erst Mitte April legten, schickten die Getreuen die Eier mit dem plattdeutschen Vers:
   De Kiewitt lewt de Winkeltög just wie de Diplomaten,
   Drum hett he uns in diesem Johr allwedder luern laten.
Adelung erklärt 1786 in dem ›Versuch eines grammatisch-kritischen Wörterbuches‹ (Bd. V, Spalte 242) Winkelzüge als »Züge, welche im Winkel, d.i. im Verborgenen gemacht werden«. Es ist aber damit die Wegabkürzung gemeint, die man an einem Winkel vornehmen kann, indem man kurz vor dem Scheitel des Winkels auf den andern Schenkel überspringt, also nicht in den eigentlichen Winkel vordringt. So heißen auch schräg in einem Winkel stehende Hölzer ›Winkelhölzer‹, und daher kommt die ebenfalls seit dem 16. Jahrhundert bezeugte und noch heute mundartlich verbreitete Redensart Winkelhölzer suchen (später auch machen): Ausflüchte suchen. Luther sagt in den ›Tischreden‹: »Der Satan sucht immerdar Winkelhölzer und Beirede wider Gottes Ordnung«. Diese ursprüngliche Vorstellung ist freilich schon früh verkannt worden; in der mundartlichen ›Hövelschen Chronik‹ heißt es z.B. im gleichen Sinne: »De Deutschen hebben des winkelholtes so vele gehouwen«, wobei der Verfasser ganz offensichtlich an das Schlagen von Holz in einem Waldwinkel gedacht hat.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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