Wurm
Sich winden (krümmen) wie ein Wurm: sich hilflos sträuben, unterwürfig sich fügen; etwas nicht zugeben wollen, mit der Sprache nicht herauswollen.
   Der geläufige redensartliche Vergleich ist schon dem Mittelhochdeutschen bekannt. Um 1300 schreibt Heinrich von Neustadt (›Apollonius‹ 4219, herausgegeben von S. Singer):
   Du leydest manigen sturm,
   das du dich pewgest als ain wurm.
Zahlreiche Belege finden sich in der neueren Literatur, aber auch die Mundarten kennen den Vergleich, z.B. pommerisch ›He wund sikk as een worm‹, er wollte nicht daran. Vergleiche auch französisch ›se tordre comme un ver‹.
   Einem die Würmer aus der Nase ziehen: ihm langsam, aber durch geschickte Fragen seine Geheimnisse entlocken, ihn aushorchen; ebenso französisch ›tirer les vers du nez à quelqu'un‹. Die Redensart geht auf die alte Vorstellung von wurmgestaltigen Krankheitsdämonen zurück, die nach volksmedizinischer Auffassung im menschlichen Leib bzw. in dem betroffenen Glied liegen. Einzelne Krankheiten wurden auf das Vorhandensein von Spezialwürmern (wie Magen-, Leber-, Ohr-, Zahn-, Hirn-, Herzwurm) zurückgeführt.
   Der Beschwörung von Krankheitsdämonen in Wurmgestalt dienen die von althochdeutscher Zeit bis zur Gegenwart bezeugten Wurmsegen. 1350 vermerkt Konrad von Megenberg in seinem ›Buch der Natur‹ (herausgegeben von Pfeiffer, S. 130f.): »In des hirzs haupt ist ain wurm, der in oft müet; aber ain iegleich tier und auch der mensch hât ainen wurm under der zungen, und an der stat, dâ diu runstâdern gesellet werdent des rucks dorn, dâ er sich veraint mit dem haupt, sein zwanzig würm«. Diesen Glauben machten sich Kurpfuscher des 17. und 18. Jahrhunderts zunutze, indem sie auf den Jahrmärkten behaupteten, Schwermütige dadurch heilen zu können, daß sie ihnen die Würmer durch die Nase aus dem Gehirn zögen. In derselben Weise prahlt Frosch in Auerbachs Keller (Goethe, Faust I, V. 2174ff.):
   Laßt mich nur gehn! Bei einem vollen Glase
   Zieh' ich, wie einen Kinderzahn,
   Den Burschen leicht die Würmer aus der Nase.
   (Im Urfaust: »Ich will'en die Würme schon aus der Nase ziehn, wo sie herkommen«).
Zur selben Grundvorstellung gehören zahlreiche weitere Redensarten und Wendungen: Einen Wurm (im Kopf) haben: eine fixe Idee, eine Marotte haben, töricht und unverständig handeln; vgl. englisch ›He has worms (maggots) in his brain‹. Goethe (›Sprüche in Reimen‹):
   Noch spukt der babylonische Turm,
   Sie sind nicht zu vereinen!
   Ein jeder Mann hat seinen Wurm,
   Kopernikus den seinen.
Im Schwäbischen hat ein geisteskranker, aber ebenso auch ein launischer oder hochmütiger Mensch ›Würmer im Hirn‹. Auch in anderen Mundarten sind ähnliche Wendungen reich belegt. In Süddeutschland ist beim Steigen der Wassersucht heute noch der Ausdruck bekannt: ›Der Herzwurm b'seicht mi‹; bairisch ›den Wurm töten‹, den Beinfraß (eine eiternde Sehnenentzündung) heilen; schwäbisch ›Wer hat dir de Wurm tötet?‹, wer hat dich aus der Not erlöst?; ›Daß dir der Wurm dreinfahr!‹ ist eine gängige Fluchformel in Kurhessen.
   Es ist wie der Wurm unter dem Fuß: es ist zum Kotzen.
   Es wurmt einen: es ärgert, quält, beunruhigt ihn (wie der Wurm im Leibe). In weiterer Übertragung ist der ›Nagende Wurm‹ auch das schlechte Gewissen, die Sorge, die Angst.
   Du hast den Drehwurm sagt man zu unruhigen Kindern, die sich dauernd im Kreise herumbewegen oder sich um sich selbst drehen.
   Jemandem den Wurm schneiden (nehmen). Die seit dem 17. Jahrhundert bezeugte Redensart bezieht sich auf die oft betrügerischen Praktiken der ›Wurmschneider‹ auf den Jahrmärkten. Dementsprechend ist der Sinn der Redensart zunächst: betrügen, übervorteilen. »O ho, sagte der Wurmschneider ... sag an mein liebes Baewerlein, hastu niemals zuvor deiner eigenen Obrigkeit den Wurmb geschnitten. Hastu nicht deinen Juncker im Zehenden betrogen ...?« (Moscherosch, 1646, in ›Gesichte‹ 3, 316). Die gleiche Bedeutung hat die Redensart bei Christian Weise (›Erznarren‹, 1673, Neudruck, S. 30). Im 18. Jahrhundert kommt die Redensart zur Bedeutung: einen von einer Torheit heilen. Dabei spielt die Vorstellung eine Rolle, daß jungen Hunden der angeblich die Tollwut verursachende Wurm (die wurmförmige Sehne unter der Zunge) entfernt werden müsse. Vorgang und Deutung der Redensart sind von Adelung (IV, 1630) für seine Zeit bezeugt. Gleichzeitig bürgert sich seit der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts für Wurm die Bedeutung ›Marotte‹, ›Schrulle‹ ein, die eine Entmythologisierung der ursprünglich volksmedizinischen Vorstellung bedeutet. Diese Auslegung dringt auch in die Literatur; z.B. schreibt Goethe in ›Hans Sachsens poetische Sendung‹:
   (Der Narr) bespöttet eines jeden Fürm,
   Treibt sie ins Bad, schneid't ihnen die Würm'
   Und führt gar bitter viel Beschwerden,
   Daß ihrer doch nicht wollen wen'ger werden.
Mundartlich hält sich die Redensart bis zur Gegenwart; z.B. wienerisch ›an in (den) Wurm nehma‹, seinen Übermut dämpfen.
   Einem ein Würmchen aus dem Kreuze leiern: ihn drillen, eine neuere, soldatensprachliche Wendung
   Jemandem den Wurm segnen: ihm gehörig die Meinung sagen, ihn kräftig zurechtweisen. Die Redensart bezieht sich auf die volkstümlichen Wurmsegen, die die Würmer als Krankheitsdämonen heftig beschworen, von ihrem Opfer zu lassen und sich an einen anderen Ort zu begeben, wo sie unschädlich waren.
   Auf den Wurm im Obst bezieht sich die Wendung Da ist der Wurm drin: es sieht verlockend aus, birgt aber Nachteile. Eine sehr bekannte Formelstrophe des volkstümlichen Liebesliedes lautet:
   Der Apfel scheint so rosenrot,
   ist doch ein Würmlein drin,
   es ist kein Knabe so hübsch und fein,
   er trägt einen falschen Sinn.
Vergleiche französisch ›Le ver est dans le fruit‹. Vielleicht ist aber auch an den Holzwurm zu denken, der heimlich das Holz des Gebälkes und der Möbel durchnagt und seine Festigkeit zerstört, weil die Redensart auch oft in bezug auf eine gestörte Gesundheit, ein zurückgehendes Geschäft und eine zerrüttete Ehe gebraucht wird.
• M. HÖFLER: Deutsches Krankheitsnamen-Buch (München 1899), S. 820-835; O.V. HOVORKA und A. KRONFELD: Vergleichende Volksmedizin, 2 Bde. (Stuttgart 1908-09), I, S. 452ff.; Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens IX, Spalte 841-863, Artikel ›Wurm‹ und ›Wurmsegen‹, v. RIEGLER und OHRT; I. HAMPP: Beschwörung, Segen, Gebet (Stuttgart 1961), S. 62ff.; G. EIS: Altdeutsche Zaubersprüche (Berlin 1964); L. RÖHRICH: Krankheitsdämonen, in: Volksmedizin (Darmstadt 1967), S. 283ff.}
Wurmschneider (›Jemand den Wurm schneiden‹). Nicolo Cantabella: ›Savoyardischer Wurmschneider‹.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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