X


X
Einem ein X für ein U vormachen: ihn täuschen, ihn belügen, irreleiten, ihm etwas vorspiegeln, ihn betrügen, übervorteilen. Bekanntlich wurden im Mittelalter die Zahlen mit römischen Zahlzeichen ausgedrückt, wobei das V, das damals zugleich für U stand, fünf (5) bedeutete. Zwei V, das eine verkehrt an das andere gesetzt (X), bedeuten aber zehn (10); zum selben Ergebnis kommt man, wenn man die beiden Schenkel des V über den Fußpunkt hinaus schreibt, das Zeichen dann als X gelesen werden kann. Demnach ist der ursprüngliche Sinn der Redensart: jemandem zehn statt fünf (d.i. ›mit doppelter Kreide‹, Kreide) anschreiben. Schon in dem 1435 verfaßten Namenbuch von Konrad Dangkrotzheim heißt es: »do mache ein ickis für ein V«; und in einer Dichtung von Nikodemus Frischlin:
   Schreibs alles seinem Herren zu
   Oft zwei X für ein einigs V.
Aus dem 16. Jahrhundert wird berichtet (›Germania‹ 13, 270):
   Der wierte war ein gschwinder man,
   Die kreid in seine hand bald nam.
   Dieselb, wie es dann pflegt zu gen.
   Für einen strich recht kreidet zwen,
   Er macht ein X wol für ein V,
   Damit kam er der rechnung zu.
Diese Deutung wird auch bestätigt durch eine Stelle in Johann Wilhelm Laurembergs ›Veer Schertzgedichten‹ (1653; 1. Gedicht, V. 136ff.):
   (Ik) laet mi nicht verleiden,
   Voer L (50) to schriven C (100) und voer V schriven X,
   Kan ik den nicht veel mehr, so bin ich darup fix.
Der Wirt Schrepffeisen sagt zu Simplicius: »Und doch wollen meine Gäste meine Rechnung bisweilen nicht allerdings recht verstehen / sondern je zuweilen aus einem X ein V machen / das mir aber zu tun nicht gelegen« (Grimmelshausen, Kalender, S. 503). Vergleiche auch französisch ›faire prendre à quelqu'un des vessies pour des lanternes‹ (wörtlich: einem eine Schweineblase für eine Laterne vormachen).
   Auf eine andere Erklärungsmöglichkeit weist Alb. Höfer (›Germania‹ XIII, 270, XIV, 215 und IV, 216) hin. Bis ins 15. Jahrhundert war eine Geheimschrift üblich, in der tatsächlich ein ›X‹ für ein ›V‹ gemacht wurde, weil in ihr jeder Vokal durch den folgenden Konsonanten ersetzt wurde. Es kam also ursprünglich mehr auf das Verbergen und Täuschen als auf das Betrügen und Fä1schen an, was eigentlich auch noch heute dem Sinn der Redensart besser entspricht. Die Zahlzeichen X und V mögen dann später eingewirkt und zur Bedeutungsänderung der Wendung beigetragen haben.
   Er kann kein X von einem U unterscheiden: so sagt man auch von einem dummen Menschen; vgl. englisch ›He does not know B. from a Bull's foot‹ und: ›He doesn't know a hawk from a handsaw‹.
   Einem etwas xmal sagen: es ihm unzählige Male sagen; x ist in der Algebra die Bezeichnung für die unbekannte Größe.
   Ein x-beliebiger Mensch: irgendeine Person aus der Menge.
• A.W. STROBEL: Beiträge zur deutschen Literatur und Literatur-Geschichte (Paris und Straßburg 1827), S. 124; J.M. WAGNER: X für U, in: Germania 13 (1868), S. 270; J. ADDIS: I know a hawk from a handsaw, in: American Notes and Queries 4, 10 (1872), S. 375-376; F. LATENDORF: X für U, in: Germania 20 (1875), S. 8; FLOTO: X für U, in: Germania 21 (1876), S. 255-256; R. KÖHLER: X für U, in: Kleinere Schriften, Bd. III (Berlin 1900), S. 541f.; C. PASCHALL: Ein X für ein U, in: Western Folklore 7 (1948), S. 392.}
Einem ein X für ein U vormachen. ›Buchmesse‹, ein Zeit-Zeichen von Hans-Georg Rauch. Aus:
   DIE ZEIT, Nr. 42, vom 10.10.1986, S. 59.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.


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