Blick
Jemandem einen bösen Blick zuwerfen: ihn haßerfüllt ansehen mit dem Wunsch, ihm zu schaden. Die Folge ist meist nur, daß der Angeschaute feststellt: Wenn Blicke töten könnten ..., wobei die Ergänzung ›dann wäre ich jetzt eine Leiche‹ allerdings meist nicht ausgesprochen wird.
   Anders verhält es sich mit der Redensart: Den bösen Blick haben: jemanden durch böses Anschauen schaden. Dahinter steckt die Furcht, jemand könne anderen durch Verzauberung Schaden zufügen, Schielen.
   Diese Vorstellung war schon bei den Völkern des Altertums verwurzelt. Rationalisten betrachteten das Phänomen schon damals als Aberglaube. Dennoch hielt das Volk an der Vorstellung vom bösen Blick fest. Und so konzentrierte man sich hauptsächlich auf die Frage, wie man ihm entgehen oder ihn schadlos machen könnte. Zu diesem Zweck gab es eine Fülle von Abwehrmitteln. In Edfu in Oberägypten wurde z.B. ein Bücherkatalog aus der Zeit der Ptolemäer gefunden, der die Eintragung enthält: »Sprüche, um den bösen Blick zu vertreiben«. Das bekannteste Schutzmittel des alten Ägypten aber war das Uzat, allgemein ›mystisches Auge‹ oder ›Auge des Horus‹ genannt. Auch Darstellungen aus der griechischen Mythologie wie das furchteinflößende Gorgonen- und Medusenhaupt galten der Abwehr des bösen Blicks und dem Schutz vor seinen schädlichen Folgen. Besondere Abwehrgesten dienten dem gleichen Zweck. Doch konnte keines dieser alten Entzauberungsmittel die Furcht wirklich bannen. In der christlichen Welt lebte der Glaube an den bösen Blick unvermindert fort. An die Stelle der heidnischen Abwehrmittel traten Christus und das Kreuz, Heiligenfiguren sowie christliche Symbole. Den Beweis dafür liefern die noch erhaltenen schriftlichen Zeugnisse und Denkmäler. Doch tritt die Wendung ›böser Blick‹ in der Literatur erst relativ spät auf. In den älteren Quellen wird meist nur seine Wirkung genannt, wie z.B. bei Hugo von Trimberg (um 1235 bis nach 1313) in: ›Der Renner‹, (Verse 18012-18017).
   zwei so smaliu spigellin
   Den slangen tötet, wolfe schrecket,
   Strauz eyer brutet, uzsatz erwecket
   und ander krefte hat gar vil,
   Der ich nicht mere hie scriben wil.
Eine nicht geringe Rolle spielte der ›böse Blick‹ auch bei den Hexenverfolgungen. In dem von den Inquisitoren Jakob Sprenger und Heinrich Institoris verfaßten ›Hexenhammer‹ von 1487 wird er des öfteren genannt und beschrieben. So heißt es z.B.: »Sie (die Hexen) verstehen es ... bisweilen Menschen und Tiere durch den bloßen Blick, ohne Berührung zu behexen und den Tod zu bewirken«.
   Th. Hauschild unterscheidet grundsätzlich zwischen dem Glauben an den angeborenen ›bösen Blick‹, der als Verkörperung des Unglücks schlechthin gilt und durch die Begegnung mit dem anderen ausgelöst wird, und dem situationsbedingten, durch sozialen Neid (lateinisch ›invidia‹, in-videre: hinein- sehen = jemanden neidisch, scheel ansehen), durch Übelwollen oder Gier ausgelösten bösen Blick, der in einer realen Situation spontan zum Ausdruck kommt. Während die unheilbringende Wirkung des angeborenen bösen Blicks generell einem negativen Kraftstrom der Augen zugeschrieben wird, deutet der spontane böse Blick auf eine spannungsgeladene Situation hin auf einen von Geburt an vorgegebenen Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft. In der Angst vor dem bösen Blick äußert sich die Angst vor dem Unerklärlichen und Unheimlichen schlechthin.
   Manches von den älteren Vorstellungen ist noch erhalten in den Redensarten: Jemanden mit Blicken durchbohren, Einen stechenden Blick haben ( Basiliskenblick), Jemanden mit Blicken (mit dem Blick) fixeren, d.h. ihn starr ansehen. Sie stellen jedoch mehr oder weniger reine Feststellungen dar, denen nicht mehr die ursprüngliche Furcht vor Schaden anhaftet.
Gleichwohl ist in ihnen das Unangenehme eines solchen Blickes angedeutet, ähnlich wie in den Redensarten: Jemanden mit scheelem Blick anschauen, Einen falschen Blick haben, Jemanden mit verstohlenen Blicken mustern, d.h. ihn heimlich beobachten, Jemandem einen mißtrauischen (argwöhnischen) Blick zuwerfen.
   Ganz verschwunden ist der Glaube an die Macht des Blickes nicht. Doch ist es nicht mehr ausschließlich eine böse Macht, die aus dem Blick abgelesen wird, wie ersichtlich aus den Wendungen wie (Liebe) auf den ersten Blick oder Etwas auf den ersten Blick erkennen. So bedeutet z.B. die Redensart Jemanden mit Blicken (mit dem Blick) bezaubern nach heutigem Verständnis durchaus etwas Positives: es kann ein klarer, offener, verständnisvoller, wissender, freundlicher oder gar liebevoller Blick sein, der den anderen ›gefangen‹ nimmt.
   Auch das Denken eines Menschen oder seine Absicht äußert sich oftmals in seinem Blick. Das kommt zum Ausdruck in der Redensart: Dieser (der) Blick spricht Bände!, d.h. man hat am Blick erkannt, was jemand sagen wollte.
   Der Blick kann aufnehmen und erkennen, er kann aber auch Empfindungen und Emotionen ausdrücken wie Liebe, Haß, Ärger, Furcht, Verachtung, Krankheit, Schmerz und Verlassenheit. Letzteres ist jedoch nur für diejenigen erkennbar, die Einen Blick (ein Auge) dafür haben, d.h. etwas davon verstehen ( Auge).
   Etwas mit einem Blick erfassen: sofort erkennen.
   Jemanden mit Blicken verschlingen: ihn unangemessen lange und intensiv betrachten, unverhohlenes Interesse zeigen.
   Eine etwas mildere Form der Sympathiebekundung kommt zum Ausdruck in der Redensart: Mit jemandem Blickkontakt herstellen, d.h. Mit jemandem heimliche Blicke tauschen (wechseln), die ein gegenseitiges Interesse (Einverständnis) erkennen lassen.
   Auf einen anderen Zusammenhang weist die Wendung Den deutschen Blick haben. Es handelt sich um einen Blick, in dem die Furcht vor Anschwärzung geschrieben steht, ein flüchtiges Umherschauen, ob ein Horcher oder Späher in der Nähe ist. Die Redensart entstand in der Nazizeit, als die Bespitzelung bis in die Familien hinein reichte.
   Die Wendung Im Blickpunkt stehen gilt für einen Menschen mit hoher Stellung, die ihn aus der Privatsphäre heraushebt und es geboten scheinen läßt, seine Worte sorgsam abzuwägen. Ähnlich: Ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten: durch Äußerungen oder Handlungen das Interesse der Öffentlichkeit auf sich ziehen, Aufmerksamkeit erregen.
   Einen großen Blickwinkel haben: eine umfassende Sicht der Dinge haben, über weitreichende Kenntnisse verfügen. Den Blickwinkel ändern (müssen): seinen Standort ändern, einen Wechsel der Position vornehmen müssen. Diese Redensart ist vor allem aus den Medien bekannt.
• S. SELIGMANN: Der böse Blick und Verwandtes, 2 Bände (Berlin 1910, Nachdr. Hildesheim 1985); Artikel ›An Evil Eye‹, in: Expository Times 53 (1941-42), S. 181 f., 354 f. und 54 (1942-43), 26 f.; K. MEISEN: Der böse Blick ..., in: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 1 (1950), S. 144-177; 3 (1952), S. 169-225; D. FREY: Dämonie des Blickes (Wiesbaden 1953); A. DUNDES (Hrsg.): The Evil Eye. A Folklore Casebook (New York 1981); TH. HAUSCHILD: Der böse Blick (Berlin 2. Auflage 1982); G. WEBER: ›Gorgo, Gorgonen‹, in: Enzyklopädie des Märchens V, Spalte 140-1409.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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