Zunge
Mit gespaltener Zunge (mit zwei Zungen) reden: zum eigenen Vorteil gegenüber mehreren Personen verschiedene Meinungen äußern, ohne Bedenken lügen, ähnlich: Glatt (leicht) von der Zunge gehen: ohne Hemmungen Unwahrheiten sagen, gegen seine innere Überzeugung jemandem schmeicheln. Dagegen meint die Wendung Etwas nicht über die Zunge bringen: sich scheuen, eine Lüge zu machen, eine schlechte Nachricht zu überbringen. Eine Steigerung davon bedeutet die Redensart Sich eher die Zunge abbeißen: nichts verraten, standhaft bleiben, trotz persönlicher Gefahr keine Andeutungen machen, aber auch: aus Scham oder falscher Rücksichtnahme keine Beschwerden oder Forderungen in eigener Sache vorbringen.
   Der dem hl. Johannes von Nepomuk (um 1350-1393) zugeschriebene Schwur, sich ›lieber die Zunge abzubeißen‹, als aus der Beichte zu plaudern, hat in Bayern und Österreich einen Handel mit ›Nepomuk-Zungen‹ zu Heilzwecken bewirkt. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Nepomuk-Zungen, zungenförmige Körper aus Stein, in Silber gefaßt, die gegen Zungenleiden sowie auch gegen üble Nachrede helfen sollten. 1765 wurde Johannes von Nepomuk bei den Linzer Jesuiten als »heiliger Rächer der Verleumdung« bezeichnet.
   Jemandem etwas auf die Zunge legen: ihm Hinweise geben, damit er im gewünschten Sinne aussagt, damit er die richtige Antwort finden kann, vgl., ›Jemandem etwas in den Mund legen‹, Mund.
   Jemandem die Zunge lösen: seine Hemmungen beseitigen, ihn z.B. durch geheuchelte Anteilnahme oder durch Weingenuß redselig machen, aber auch: ihn durch Gewalt zu einer Auskunft zwingen. Diese Redensart erinnert an den alten Brauch, neugeborenen Kindern das Häutchen unter der Zunge zu lösen, damit sie (schneller) sprechen lernen sollten. Gab ein Kind nach der Geburt nicht gleich Laut von sich, öffnete ihm die Hebamme alsbald den Mund und löste ihm auch mitunter die Zunge. Diese sofortige Lösung des Zungenbändchens durch die Schere oder gar den Fingernagel der Hebamme war um 1900 allgemein verbreitet, obwohl sie schon von der Nürnberger Hebammenordnung von 1755 als abergläubisch bekämpft wurde. In Gutach (Kreis Offenburg) spricht die Hebamme dabei sogar einen Spruch, den ihr die Wöchnerin dreimal nachzusprechen hat: »Ich löse meinem Kinde die Zunge zu alle gute Stunde, zur gerechten, aber nicht zur ungerechten. Die himmlische Ehr, die nimmermehr vergeht, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes« (E.H. Meyer, Badisches Volksleben im 19. Jahrhundert [Straßburg 1900], S. 17f.); vgl. französisch ›délier la langue à quelqu'un‹.
   Seiner Zunge freien Lauf lassen: unbedacht, ohne besondere Vorsicht und Rücksichtnahme ganz frei und offen reden; ähnlich: Sein Herz auf der Zunge haben (tragen): seine Gefühle zeigen, ungehemmt seinen Einfällen folgen und seine geheimsten Gedanken offenbaren. Diese Redensarten dienen einer durchaus positiven Charakterisierung eines ehrlichen, unkomplizierten und impulsiven Menschen. Trotzdem warnen andere Wendungen vor den Nachteilen dieses Verhaltens, das oft sehr undiplomatisch ist, wobei man Sich leicht die Zunge verbrennen kann, Mund.
   Seine Zunge hüten (im Zaum halten): vorsichtig sein, damit nicht unbedachte Äußerungen Ärger und Anstoß erregen, nur das sagen, was nicht falsch ausgelegt werden kann; vgl. französisch ›tenier ...‹ oder ›retenir sa langue‹.
   Sich auf die Zunge beißen: sich mühsam beherrschen, seine wahre Meinung verschweigen; vgl. französisch ›s'en mordre la langue‹ (wörtlich: sich deswegen in die Zunge beißen) im Sinne von: unbedachte Äußerungen bereuen.
   Etwas auf der Zunge haben: etwas sagen wollen, es aber zum Glück im letzten Moment noch unterdrücken können, aber auch: nach einem Ausdruck suchen, der einem trotz heftigen Nachdenkens im Augenblick nicht einfällt, z.B. ein Name, an den man sich nicht erinnern kann, obwohl man ihn häufig gehört hat, so daß er einem Auf der Zunge schwebt; vgl. französisch ›avoir quelque chose sur le bout de la langue‹ (auf der Zungenspitze).
   Jemandem das Wort von der Zunge nehmen: seinen Gedanken vorwegnehmen, die gleichen Vorstellungen und Ideen wie der andere haben und ihm in seiner Äußerung zuvorkommen; ähnlich französisch ›prendre à quelqu'un les mots de la bouche‹ (wörtlich: einem die Worte aus dem Munde nehmen).
   Mit der Zunge ausrutschen: etwas Unpassendes, Unbedachtes sagen, das man später bedauern muß.
   Jemandem die Zunge herausstrecken (zeigen): ihn verächtlich behandeln. Das Herausstrecken der Zunge ist eine Spottgebärde, die möglicherweise auch auf ältere Abwehrgebärden zurückgeht. Als schimpfliche Abweisung ist sie auch an Brücken und Stadttoren angebracht worden. Bekannt ist der Basler sogenannte ›Lällekönig‹, der nach Kleinbasel hinüber diese Gebärde machte, Gähnmaul. Vergleiche französisch ›tirer la langue à quelqu'un‹.
   Sich die Zunge ausrenken: pausenlos für etwas werben oder schwärmen, durch einen Wortschwall zu überzeugen suchen, einen unversieglichen Redestrom entwickeln; gleichen Sinn hat die moderne Wendung
Eine elektrische Zunge haben.
   Sich (beinahe) die Zunge abbrechen: ein schwieriges Wort (Fremdwort), auch: ›Zungenbrecher‹ genannt, nicht oder nur schwer aussprechen können.
   Jemandem die Zunge lähmen: jemanden zum Erschrecken oder Erstaunen bringen und ihn zunächst einmal sprachlos werden lassen, vgl. die ähnliche Wendung Etwas (die Angst) bindet einem die Zunge.
   Die Zunge klebt jemandem am Gaumen (schon bei Hiob 29, 10), Hängt einem zum Halse heraus: ihm fehlt der Speichel vor großem Durst, wegen der Hitze oder: er ist völlig erschöpft vom schnellen Laufen. Dieses sprachliche Bild bezieht sich auf den hechelnden Hund. Vergleiche französisch ›Il a la gorge séche‹ (wörtlich: Er hat eine trockene Kehle).
   Etwas auf der Zunge zergehen lassen: ein Feinschmecker sein, etwas genießerisch auskosten, ähnlich Eine feine Zunge haben; vgl. französisch ›être un gourmet‹ (ein Feinschmecker sein) oder ›avoir le bec fin‹ (wörtlich: einen feinen Schnabel haben).
   Die vielen Adjektive, die der Zunge zugeordnet werden, ermöglichen sprachliche Differenzierungen, z.B. Eine glatte Zunge haben: geschickt lügen, schmeicheln und heucheln; Eine scharfe (spitze) Zunge besitzen: verletzende Kritik üben. In volkstümlichen Darstellungen wird dem Spitzzüngigen die Zunge abgeschliffen, schleifen; vgl. französisch ›avoir la langue bien pendue‹ (wörtlich: eine weit herunterhängende Zunge haben) oder ›avoir le caquet bien affilé‹ (wörtlich: ein geschliffenes Mundwerk haben). Eine böse (falsche, giftige) Zunge haben: verleumden, bösartig sticheln; Eine beredte (feurige) Zunge besitzen: redegewandt, ›Zungenfertig‹ sein. Eine lose Zunge besitzen: alles ausplaudern; vgl. englisch: ›Your tongue is hung on an swivel and is loose at both ends‹.
   Zunge wird auch im Sinne von Sprache gebraucht: In fremder Zunge reden und Mit tausend Zungen predigen: es wiederholt und nachdrücklich sagen.
   Moderne Wendungen sind: Sich nicht an der Zunge ziehen lassen: sich nicht übertölpeln lassen, und Über die Zunge scheißen: sich erbrechen.
   Einen falschen Zungenschlag haben: wegen Betrunkenheit die Wörter nicht mehr richtig artikulieren können; auch: Falschheiten verbreiten, nicht aufrichtig sein.
• E.S. DODGE: Your tongue is hung on a swivel and is loose at both ends, in: Journal of American Folklore 62 (1949), S. 427; L. RÖHRICH: Gebärde – Metapher – Parodie (Düsseldorf 1967), S. 26f.; D.-R. MOSER: Verkündigung durch Volksgesang (Berlin 1981), S. 243; A. SPYCHER: Der Basler Lällenkönig, seine Nachbarn, Freunde und Verwandten (Basel 1987).
Abschneiden der Zunge als Strafe. Detail aus einem Holzschnitt von 1539, aus: Hans Fehr: Das Recht im Bilde, Erlenbach-Zürich, München und Leipzig 1923, Abbildung 136.
Lällekönig – Die Zunge herausstrecken. Basler Lällekönig, bewegliche Maske vom ehemaligen Rheintor an der Rheinbrücke, 16. Jahrhundert, Historisches Museum Basel.
Das Schleifen der bösen Zunge. Slowenisches Bienenstockbrettchen von 1882.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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