Bock
Verschiedene Eigenschaften des Bockes kommen besonders in redensartlichen Vergleichen vor: Stinken wie ein Bock, schon im jüngeren ›Titurel‹ um 1270 (Strophe 249): »und stinkent sam die bocke«; Augen haben wie ein abgestochener Bock, belegt im ›Narren-Nest‹ von Abraham a Sancta Clara: »Die Augen verkehrt er wie ein abgestochener Bock«; außerdem Stur wie ein Bock (ein sturer Bock), Springen wie ein Bock, Dumm wie ein Bock, Geil wie ein Bock, scherzhaft keusch wie ein Bock um Jakobi (schwäbisch), Störrisch wie ein Bock, daher Bockbeinig, das erst im 19. Jahrhundert aus der bairischen Mundart ins Hochdeutsche eingedrungen ist; ähnlich Steif wie ein Bock und Bocksteif.
   Schwäbisch ›Der Bock ist die Geiß, die Geiß ist den Bock wert‹, sie passen zueinander.
   Den Bock bei den Hörnern fassen: eine Sache tatkräftig anpacken, die Gelegenheit beim Schopfe fassen; vgl. französisch ›prendre le taureau (den Stier) par les cornes‹, Stier.
   Von einer mageren Frau sagt man mundartlich: Die ist so dünn, sie kann den Bock zwischen den Hörnern küssen; ähnlich in Frankfurt: ›Der kann en Bock zwische de Hörner kisse‹.
   Sich darauf verlassen wie der Bock auf die Hör-
ner: fest auf etwas vertrauen.
   Die Böcke von den Schafen zu scheiden gehört zu den realen Aufgaben des Schäfers. Sie dient in der Bibel als Gleichnis (Mt 25, 32) für die Scheidung der Verdammten und Seligen beim Jüngsten Gericht. Vgl. französisch ›séparer les brebis (die Mutterschafe) des boucs‹. Südwestdeutsch Es kommt ihm, wie dem Bock die Milch: er begreift nur sehr schwerfällig. Nun ist der Bock fett: das Unglück ist da, die Sache hat ihren Gipfel erreicht (eigentlich ›Der Bock ist zum Schlachten reif‹).
   Den Bock melken: etwas Vergebliches, ja Unmögliches versuchen, schon altgriechisch und mittellateinisch 1020 in der ›Fecunda ratis‹ des Egbert von Lüttich (Nr. 519); deutsch erst seit dem 17. Jahrhundert bezeugt, z.B. in Straßburg 1658: »Was ists Wunder, wenn einer ein Bock melcket, der ander hebt ein durchlöchert Sieb unter, das kein Milch und Butter erfolge«; ähnlich auch bei Kant 2,94: »Der belachenswerte Anblick, daß einer den Bock melkt, der andere das sieb unterhält«;. Niederländisch ›Het is den bok gemolken‹; Wolgadeutsch: ›Däs is grad so gut wie dr Bock melka.‹
   Wenn die Böcke lammen ist ein besonders in Niederdeutschland gebrauchter volkstümlicher Ausdruck für ›niemals‹, z.B. ›Blumenpingesten, wenn de Böcke lammet‹ ( Pfingsten).
   Der Bock stößt ihn sagt man von einem, dessen Oberkörper bei starkem Schluchzen, bei Schluckauf oder bei starkem Lachen ruckweise zuckt, wie mehrmals heftig ins Kreuz gestoßen.
   Übertragen z.B. niederdeutsch ›He es vom Bock jestoate‹, er ist dumm, töricht. Heute hat die Redensart auch den Sinn: der Übermut, das Üppigsein (der Teufel) treibt ihn zu etwas Unvernünftigem. Die seit dem 16. Jahrhundert belegte Verwünschung Daß dich der Bock schände! ist wohl mit dem Teufel in Bocksgestalt zu verbinden; sie ist auch heute noch mundartlich verbreitet; schwäbisch ›daß mich der Bock stoße!‹ und ›Bock, streck mich!‹ ( Bockshorn).
   Den Bock zum Gärtner setzen (machen): einen Untauglichen oder Ungeeigneten mit einer Aufgabe betrauen, der viel schadet und nichts nutzt. Vielfach ist der Bock abgebildet worden, wie er aufrecht auf einer hohen Staude oder an einem Strauch steht und die jungen Spitzen abfrißt. Die Redensart ist zuerst in einer Priamel des 16. Jahrhunderts belegt (A. Keller: ›Alte gute Schwänke‹ [Leipzig 1847], S. 22). Auch bei Hans Sachs (IV, 3, 13b):
   dasz dir nit nachtnebel klein
   deine augen verdunkeln than,
   sechst ein bock für ein gärtner an.
Aus Danzig wird im 17. Jahrhundert überliefert: »Wer den Bock zum Gärtner setzet, den Hund nach schmehr und die Katze nach bradtwürsten schicket, kriget selten etwas heimb« (Ziesemer, Preußisches Wörterbuch I, 691); Katze.
   1639 verzeichnet Christ. Lehmann in gereimter Sprichwortform (S. 70): »Glaub, wo der Bock ein Gärtner wird, die jungen Bäume er wenig ziert«, sowie (S. 397): »Man muß den Hund nicht so weit in die Küchen, den Bock nicht in den Garten, die Katz nicht zur Milch kommen lassen«. 1649 verzeichnet Gerlingius (Nr. 182): »Ovem lupo commisisti. Du hast den Bock zum Gärtner gesetzt. Dem Wolff hast du die Schäff befohlen. Der Katzen ist der Keeß befohlen«. Simon Dach reimt 1655 (Gedichte, 2,83):
   Denn wer Mägde läßt allein
   Setzt den Bock zum Gärtner ein.
Vergleiche ›Den Habicht über die Hühner setzen‹; lateinisch (Ovid): ›accipitri columbas credere‹ = dem Habicht die Tauben anvertrauen; englisch ›to give a wolf the wether to keep‹, einem Wolf den Hammel anvertrauen; französisch ›donner la brebis à garder au loup‹, auch ›mettre le loup dans la bergerie‹ (wörtlich: den Wolf in den Schafstall hereinlassen), Wolf.
   Eine ähnliche Bedeutung hat die Redensart Den Bock auf die Haferkiste setzen: eine Sache verkehrt anfangen. Niederländisch ›De bok stoot op de haverkist‹; schleswig-holsteinisch ›He geit dorop los as de Bock op de Hawerkist‹, er ist sehr emsig.
   Einen Bock schießen: einen Fehler, eine Dummheit machen; niederländisch ›een bok schieten‹. Die Wendung leitet sich von der früheren Sitte der Schützengilden her, dem schlechtesten Schützen als Trostpreis einen Bock zu überreichen. Dieser Brauch ist bereits 1479 in Lenzkirch (Schwarzwald) nachzuweisen. Bock bedeutete ursprünglich ›Fehler‹; ähnlich werden Tiernamen häufig zur Bezeichnung von Versehen gebraucht, z.B. Pudel, Ente, Lerche und Schwein. Wolf ist ein alter Organistenausdruck für einen Fehler im Orgelbau. Hans Sachs sagt von einem Buhler, den die Frau abblitzen läßt:
   Der zog davon und ward verdrossen
   Und hätt der einen Kuckuck geschossen.
In seinem Fastnachtsspiel ›Papirius Cursor‹ (270) sagt Hans Sachs: »Ir weiber schiest ain ferrn« und im ›Neidhart‹ (495). »Die weil ich hab ein trappen gschossen«. Französisch heißt ›faire un loup‹ schlechte Arbeit leisten, der überspringende Ton einer Trompete ›un canard‹. In der Bedeutung Bock = Fehler gebrauchen wir heute noch Etwas verbocken, auch tautologisch verstärkt zu Bockmist machen (Zusammensetzung zweier gleichbedeutender Ausdrücke: Bock =
Fehler; Mist = Unsinn). ›Das ist gebockt‹, sagt der Tiroler von jedem Mißgriff. Die Redensart, ›Einen Bock schießen‹ ist zuerst Ende des 17. Jahrhundert belegt, vgl. Abraham a Sancta Clara ›Etwas für Alle‹ (S.103): »einen groben Bock schießen«. Mundartlich heißt ›einen Bock schießen‹ auch: vorwärts stolpern und fallen (z.B. obersächsisch); vgl. dazu ›Eine Lerche schießen‹, Lerche. Wander (I, Spalte 418) gibt eine sekundäre Erklärung der Redensart, indem er das Jagdabenteuer eines pommerischen Edelmanns anführt, der kurzsichtig war und einen erschreckten Ziegenbock statt einer Schnepfe schoß.
   Im übertragenen Sinn bezeichnet Bock z.B. Arbeitsgeräte, wie Sägebock und Holzbock, aber auch das Gestell, auf dem die Prügelstrafe vollzogen wurde. Daher In den Bock spannen: auf schmerzhafte Weise bestrafen, in Schwaben schon 1525 belegt: »In ein Bock zwingen«. Bei Sebastian Franck: »Drum sott man nit so alle Köpf in ein Bock begern zu zwingen«.
   Die Redensart ist auch in der Form belegt einen ins Bocksfutter spannen (z.B. schwäbisch und schweizerisch). Gemeint ist damit eine bis ins 19. Jahrhundert geübte Art der Bestrafung und Folterung, wobei dem Sträfling die Hände zwischen den Beinen durchgezogen und an einem unter den Kniekehlen durchgezogenen Stock befestigt wurden, so daß er weder richtig stehen noch sitzen konnte. Diese Tortur lebt hie und da noch in Knabenspielen weiter. Obersächsisch kennt man für diese Strafe die Wendung ›jemand in den spanischen Bock spannen‹ und die Drohung ›Wer wer'n dich in pol'schen Bock spann‹, Androhung der Strafe, ihm den rechten Arm mit dem linken Bein und den linken Arm mit dem rechten Bein nach hinten kreuzweise zusammenzuschnüren, nach Müller-Fraureuth I, 126 eine Erbschaft von den polnischen Truppen.
   Die scherzhafte Frage Ist der Bock gesattelt?, die sich erkundigt, ob jemand bereit zum Mitgehen ist, weist noch auf die alte Vorstellung vom Hexenritt auf Ziegenböcken.
   Als neuere Wendung hat sich vor allem bei jungen Menschen Null Bock haben durchgesetzt; desgleichen Bock haben auf etwas. Sie ist etwa 1979/80 entstanden.
   Die Jugendsprache bedient sich des Bocks als Metapher, um ›Lust, Appetit auf etwas haben‹ bzw. ›keine Lust haben‹ in bildhaft ironisierender Weise zum Ausdruck zu bringen. ( Sündenbock).
• Deutsches Wörterbuch II, S. 202 f.; WANDER I, Spalte 41-118; RICHTER-WEISE, Nr.23 und 24, S.28-30; GÖHRING, Nr.50 und 51, S. 35 f.; L. HEROLD: Artikel ›Ziegenbock‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens IX, Spalte 912-931; S.G. STECH: »A remark on ›goat in the garden‹«, in: American Speech 36 (1961), S. 139-140; A.L. HENCH: »Put the goat in the garden«, in: American Speech 41 (1966), S. 157-158.
Den Bock zum Gärtner machen. Illustration aus: Bruno Mariacher: Das Glück ist kugelrund, Zürich und München 1972.
Einen Bock schießen. Politische Karikatur auf Napoleon, Blatt aus dem Historischen Museum der Stadt Prag.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

Synonyme:

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