Bruder
Das ist mir (auch) der wahre Bruder (nicht) sagt man von einem, der einem nicht vertrauenswürdig erscheint, der kein rechter Gesinnungsgenosse ist, sondern ein ›Falscher Bruder‹, einer wie Kain, der seinen Bruder Abel erschlägt und dem Herrn auf die Frage nach dem Verbleib seines Bruders arglistig antwortet: »Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?« (Gen 4,9). Auch an anderen Stellen der Bibel wird auf die falschen Brüder angespielt, z.B. in der Geschichte von Joseph und seinen Brüdern (Gen 37 ff.), aber auch Gal 2, 4: »Denn da etliche falsche Brüder sich mit eingedrängt hatten und neben eingeschlichen waren ...« und 2 Kor 11,26: » ... in Gefahr unter den falschen Brüdern«. Vgl. französisch ›faux frère‹: Betrüger oder Verräter.
   Das Verhältnis von Bruder zu Bruder galt von jeher als besonders eng, Bruderzwist dagegen als besonders verwerflich. Doch gab es auch ihn von Anfang an, ebenso wie den Brudermord (Kain – Abel, Osiris – Seth, Eteokles – Polyneikes, Romulus – Remus).
   Obwohl auch im Christentum die Bruderliebe ein zentrales Leitmotiv darstellt, sind Konflikte zwischen Brüdern oft unvermeidbar. Sie finden ihren Niederschlag in Legende, Sage und Märchen, vor allem in der Vielzahl der Zweibrüder- und Dreibrüdermärchen, in denen die verschiedenen Formen gruppendynamischen Verhaltens in der Kleingruppe angedeutet sind. Darüber hinaus ist der Bruderstreit ein beliebtes Motiv in fast allen Gattungen der Literatur.
   So finden wir z.B. das Sagenmotiv: ›Die feindlichen Brüder‹ als Titel einer Parodie in ›Des Knaben Wunderhorn‹ (1806), eines Dramas von Matth. von Collin (1817), einer Posse von Ernst von Raupach (1834), einer Erzählung in ›Schwarzwälder Dorfgeschichten‹ von Berthold von Auerbach (1854) sowie eines Romans von W. Anthony (Wilhelm Asmus) (1868). Streit zwischen Brüdern liegt in der menschlichen Natur, denn:
   Brüder haben ein Geblüte,
   Selten aber ein Gemüte.
   (Fr. von Logau, Deutsche Sinn-Gedichte [1654]).
Neben der leiblichen Bruderschaft wird der Begriff ›Bruder‹ vielfach auch übertragen angewendet auf jede andere engere Bindung (Wahlbruderschaft), die auf ein gemeinsames Ziel gerichtet ist und Einigkeit im Handeln anstrebt, diese häufig sogar zu erzwingen versucht, wie den folgenden Versen zu entnehmen ist:
   Und willst du nicht mein Bruder sein,
   so schlag ich dir den Schädel ein!
Sie entstanden 1848 im Anschluß an das Jakobinerwort aus der Französischen Revolution: ›La fraternité ou la mort!‹ und richteten sich an eine auf Gesinnungsgleichheit beruhende Brudergemeinschaft von hohem ethischen Anspruch.
   In den Redensarten Mit jemandem Brüderschaft trinken, Mit jemandem den Bruderschaftskuß tauschen ist eine andere Form der Wahlverwandtschaft angesprochen, eine demselben Meister folgende, dasselbe Ideal anstrebende oder einem gemeinsamen Ziel verpflichtete Bruderschaft, die ursprünglich durch magische Riten (wechselseitiges Trinken des Blutes des anderen, gemeinsames Eintauchen der Hand in Tierblut) begründet wurde, Blut.
   Um eine einfachere Form handelt es sich dagegen bei der ›Schwurbrüderschaft‹, die durch gemeinsame Mahlzeiten, Zuprosten mit Bier oder Wein und einem Initiationskuß besiegelt wird. Sie ist bis heute erhalten und lebt in den o.a. Redensarten fort; vgl. die Ausdrücke ›Amtsbruder‹, ›Bundesbruder‹, ›Waffenbruder‹, ›Blutsbrüderschaft‹, ›Brüdergemeinde‹, die Anrede der Mönche als ›fratres‹.
   Welche Bruderschaft in der Wendung Unter Brüdern ursprünglich gemeint war, ist nicht ohne weiteres zu entscheiden. Die Redensart bedeutet soviel wie ›billig gerechnet‹, ›in ehrlichem, freundlichem Handel, ohne Übervorteilung‹, z.B. ›Das ist unter Brüdern seine 100 Mark wert‹; so sagt man unter der Voraussetzung, daß Brüder einander nicht zu übervorteilen suchen (vgl. Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 104).
   Ähnlich nennt man es elsässisch ›Bruederlieb‹, wenn jeder Spieler einen Stich beim Kartenspiel macht; umgekehrt aber, um anzudeuten, daß keine persönliche Rücksicht genommen werden soll: bairisch ›Nix Bruadr in'n Gspil!‹
   Er ist ein nasser Bruder: er ist ein Säufer, eine jüngere umgangssprachliche Wendung, ebenso gebildet wie Warmer (schwuler) Bruder: Homosexueller; ein Lustiger Bruder oder ein ›Bruder Lustig‹ (vgl. Kinder-und Hausmärchen der Brüder Grimm 81). Vgl. französisch ›un joyeux drille, un gai luron‹: ein fideler Bursche.
• H. JACKE: Die rheinische Sage von den feindlichen Brüdern in ihrer von der Romantik beeinflußten Entwicklung (Wuppertal-Elberfeld 1932); K. RANKE: Die zwei Brüder (Folklore Fellows Communications 114) (Helsinki 1934); M. MANN: Die feindlichen Brüder, in: Germanisch- Romanische Monatsschrift 49 (1968), S. 224-247; W. ORGRIS: Artikel ›Brüdergemeinschaft‹, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte I, Spalte 520-521; M. BELGRADER: Artikel ›Blutsbrüderschaft‹, in: Enzyklopädie des Märchens II, Spalte 523-528; M.
LÜTHI: Artikel ›Bruder, Brüder‹, in: Enzyklopädie des Märchens II, Spalte 844-861; K RANKE: Artikel ›Die zwei Brüder‹, in: Enzyklopädie des Märchens II, Spalte 912-919.
Die feindlichen Brüder. ›Die feindlichen Brüder‹. Burg Sternberg und Liebenstein mit Kloster Bornhofen am Rhein.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

Synonyme:

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