Buridan
Dastehen wie Buridans Esel: dastehen wie jemand, dem die Wahl zwischen zwei Dingen schwerfällt, die gleichwertig sind, und der deshalb zu keinem Entschluß kommen kann; vgl. französisch ›rester là comme l'âne de Buridan‹.
   Die Redensart bezieht sich auf den französischen Philosophen Johannes Buridan (1300-58), der die Lehre des Aristoteles vermitteln und erklären wollte. Um zu erläutern, daß ein Mensch bei Wahlfreiheit zwischen zwei gleichen Situationen umkommen muß, soll Buridan in seinen Vorlesungen folgende Parabeln benutzt haben, die in seinen Schriften jedoch nicht verzeichnet sind: »Ein Esel, der, von Hunger gequält, sich zwischen zwei Bündeln Heu von gleicher Entfernung, Größe und Beschaffenheit befände, würde verhungern müssen«. Oder: »Ein Esel, der gleich hungrig und durstig wäre, würde, zwischen einen Haufen Hafer und ein Gefäß mit Wasser gestellt, unbeweglich stehen bleiben und vor Hunger und Durst sterben«. Diese Beispiele sollten den Gegensatz des Determinismus zur Willensfreiheit verdeutlichen und beweisen, daß keine Handlung möglich ist, wenn nicht der Wille durch irgend etwas bestimmt wird.
   Schopenhauer stellte fest (›Die beiden Grundprobleme der Ethik‹ [Leipzig 1860], S. 58), daß Buridan nicht der Erfinder dieser Fabel ist, wie Bayle in seinem ›Dictionnaire hist. et crit.‹ (1697) fälschlicherweise angab, sondern sie aus der antiken Tradition übernahm. Er hat sie nur vom Menschen auf den Esel übertragen. Schon Dante eröffnete den 4. Gesang seines ›Paradiso‹ in der ›Divina Commedia‹ mit den Worten:
   Intra duo cibi, distanti e moventi
   D'un modo, prima si morria di fame,
   Che liber', uomo l'un recasse a' denti
(= Zwischen zwei gleich entfernten und gleich anlockenden Speisen würde ein willensfreier Mensch eher sterben, als daß er eine von ihnen an die Zähne brächte.)
   Buridan entnahm das Beispiel wahrscheinlich aus der Schrift des Aristoteles ›Über den Himmel‹ (II, 13): »Ebenso was über einen heftig Hungernden und Dürstenden gesagt wird, wenn er gleich weit von Speise und Trank absteht, denn auch dieser muß in Ruhe verharren«, da er ja gerade die Gedanken dieses Hauptvertreters des Determinismus zu erläutern suchte.
   Manchmal wurde später Buridans Esel mit Bileams Esel (Num 22) verwechselt, so auch von Jean Paul, der zu der doppelten Freude seines ›Wuz‹ bemerkt: »So hielt er sich, wie der metaphysische Esel, den Kopf zwischen Heubündeln; aber er war kein Esel oder Scholastiker, sondern graste und rupfte an beiden Bündeln auf einmal. Wahrhaftig, die Menschen sollten niemals Esel sein, weder indifferentistische, noch hölzerne, noch bileamische«. Esel.
• BÜCHMANN.}
Dastehen wie Buridans EselFranzösische Karikatur ›L'Epicurien‹ von Debucourt (1755-1832) illustriert die ›Schwierigkeit der Wahl‹.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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