Bürstenbinder
Trinken (saufen) wie ein Bürstenbinder. Es ist zunächst unbegreiflich, wieso gerade das ehrsame Gewerbe der Bürstenbinder in den üblen Ruf des vielen Trinkens gekommen ist. Tatsächlich sind sie daran ganz unschuldig.
   Zur Deutung dieser verbreiteten und heute noch ganz lebendigen Redensart ist auszugehen von dem Verbum ›bürsten‹, das schon frühneuhochdeutsch in übertragener Bedeutung für ›trinken‹, ›zechen‹ verwendet wird, wobei etwa an das Ausputzen der Kehle (oder des Glases) zu denken ist. Ludwig Uhland hat dieses Wort aus der älteren Sprache übernommen und in seinen Gedichten mehrfach als Reimwort verwendet, z.B. im ›Schenk von Limburg‹:
   Nun macht die Jagd mich dürsten,
   Drum tu mir das, Gesell,
   Und gib mir eins zu bürsten
   Aus diesem Wasserquell,
   oder in seinem ›Metzelsuppenlied‹:
   Es reimt sich trefflich: Wein und Schwein
   Und paßt sich köstlich: Wurst und Durst,
   Bei Würsten gilt's zu bürsten.
Im gleichen Sinne wird ›bürsten‹ noch heute in den oberdeutschen Mundarten gebraucht. Mit den studentischen Gemeinschaften des Mittelalters, den ›Bursen‹, hat dieses Wort nichts zu tun.
   Durch eine Wortspielerei wird im 16. Jahrhundert einer, der das Bürsten gut versteht, ein ›Bürstenbinder‹ genannt, wobei das Gewerbe der Bürstenbinder ganz unverdienterweise in schlimmen Ruf geriet. Die Redensart taucht zuerst bei Johann Fischart auf, der sich mit »züchten eynen unschuldigen Bürstenbinder« nennt; sein ›Grandgoschier‹ ruft in der berühmten ›Trunkenlitanei‹ aus: »Mir zu, ich bin ein Bürstenbinder. Was, hab ich eine tote Sau geschunden, daß mir keiner kein bringt?« (d.h. ich gehöre doch nicht zu dem unehrlichen Gewerbe der Abdecker, daß man mich meiden und sich deshalb hüten müßte, mir zuzutrinken) »Ich hab' ein Igel im Bauch, der muß geschwommen haben«. Im ›Simplicissimus‹ Grimmelshausens findet sich: »fluchen wie ein anderer soldat und darneben saufen wie ein bürstenbinder«. Auch in einem Fastnachtsspiel Ayrers kommt der Ausdruck vor.
   Nach Abraham a Sancta Claras Zeugnis ist die Redensart zu seiner Zeit schon ganz geläufig; er schreibt in seiner Schrift ›Etwas für alle‹: »Das Sprichwort ist schon drey Meil hinder Babylon bekannt: Er saufft wie ein Bürsten-Binder« (647 f.). Ziemlich derb heißt es ebenfalls bei Abraham a Sancta Clara: »Wären Deutsche bei dieser Mahlzeit (nämlich bei der Hochzeit zu Kana) zugegen gewesen, so hätten sie wie die Bürstenbinder gesoffen, wie das die Gewohnheit dieses Volkes ist«.
   Im 19. Jahrhundert wurde der Bürstenbinder zum wandernden Gewerbetreibenden, der seine Erzeugnisse im Umherziehen verkaufte. Dadurch kam dieses Gewerbe in den Geruch der Unehrlichkeit, und es schlossen sich weitere Redensarten an die Bürsten- oder Besenbinder an: Laufen wie ein Bürstenbinder: schnell gehen (freilich mußten sich die Bürstenbinder sputen, wollten sie bei ihrem armseligen Geschäft auf ihre Kosten kommen); Fressen wie ein Bürstenbinder, weniger harmlos: Lügen wie ein Bürstenbinder,z.B. in Zuckmayers ›Schinderhannes‹ 1. Akt: »Lügt wie zwei Bürstebinder und e Gäulsjud dazu«. Weitere, an sich sinnlose Redensarten wurden in Analogie zu den älteren gebildet: »Ich fluche und schelte wie ein Bürstenbinder« (D.v. Liliencron, ›Kriegsnovellen‹ [1895], S. 205); »Ja, du rauchst wie ein Bürstenbinder« (H. Reimann, ›Komponist wider Willen‹ [1928], S. 75).
• R. SPRENGER: »Saufen wie ein Burstenbinder.« In: Zeitschrift des allgemeinen deutschen Sprachvereins 6 (1891), 69-70; O. LUTSCH: »Trinken wie ein Bürstenbinder«, in: Zeitschrift für Deutschkunde 37 (1923), S. 76 f.; Deutsches Wörterbuch 2, Spalte 252; TRÜBNER 1, S. 447; L. GÜNTHER: Wörter und Namen (Berlin 1926), S. 54 f.
Bürstenbinder. Zeichnung von Franz Burchard Dörbeck.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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