Chamäleon
Ein wahres Chamäleon sein: ein unzuverlässiger Mensch sein, dessen Ansichten nach den Umständen wechseln und dessen Handlungen von den gegenwärtigen Verhältnissen und dem persönlichen Vorteil bestimmt werden; vgl. französisch ›être un vrai caméléon‹. Die redensartlichen Vergleiche Sich verändern wie ein Chamäleon und Wie ein Chamäleon seine Farbe wechseln weisen noch deutlicher auf das auffällige Verhalten dieser Eidechsenart hin, die auf Bäumen wohnt. Der Name des Tieres ist griechischen Ursprungs und bedeutet wörtlich ›Erdlöwe‹. Er ist wahrscheinlich eine ironische Anspielung auf den furchtsamen Charakter des Tieres.
   Die vornehmlich literarisch tradierten, mundartlich nicht nachweisbaren Redensarten über das Chamäleon verdanken ihre Entstehung seiner auffälligsten Eigenschaft, daß insbesondere bei Erregung die Färbung seiner Haut sich ändert. In der Regel sieht es grünlich aus und ist dadurch allerdings dem Blattwerk ähnlich, das seine natürliche Lebenswelt ist. Die falsche Annahme, es könne seine Farbe willentlich seiner Umgebung angleichen, führte dazu, daß das Chamäleon allmählich zum moralisch negativ beladenen Sinnbild knechtischer Unterwürfigkeit der Schmeichler und Höflinge wurde und nun einen Menschen bezeichnet, der opportunistisch seine Ansichten und Grundsätze je nach den Umständen stets zu seinem Vorteil ändert, anpaßt, gleichsam ›seine Farbe wechselt‹. Galt das Chamäleon für Aristoteles (4. Jahrhundert v. Chr.) wegen seines Farbwechsels noch weitgehend ›wertneutral‹ lediglich als Symbol für die Unbeständigkeit und Wechselhaftigkeit des Schicksals, so sehen wir es bei Plutarch (1. Jahrhundert n. Chr.) bereits moralisch abgewertet in der anthropomorphen Gestalt des Heuchlers und Schmeichlers im Gegensatz zu dem wahren Freund.
   Im frühen Christentum wird Chamäleon immer mehr als verächtliche Bezeichnung für Heuchelei in kirchlichen Glaubensangelegenheiten verwendet. Jakob von Edessa (gestorben 708) sieht in dem Chamäleon sogar »den Typus der Verstellungskunst des Teufels, weil es jede Farbe annehmen kann, außer der weißen«.
   Aus der lateinischen Sprache ging es im Mittelalter in die europäischen Nationalsprachen über: die Redensart ist unter anderem auch englisch, französisch, italienisch und spanisch belegt und als ein Bild der Falschheit auch im arabischen Raum bekannt. Bei den Westtürken heißt das Chamäleon geradewegs »Betrugeidechse« (aschifutkeleri). In Anschluß an Erasmus von Rotterdam (›chamaeleonte mutabilior‹) wurde es epigrammatisch gegen Schmeichler verwendet.
   Bei Otho Vaenius (1556-1629) erscheint es dann in gewandelter Bedeutung: Amor trägt das Chamäleon auf der Hand, und es symbolisiert hier die Anpassungsbereitschaft der Liebenden.
   Im 19. Jahrhundert erhält das Chamäleon in Grandvilles ›Staats- und Familienleben der Tiere‹ (1842) endgültig seine bis heute gebliebene moralisch abwertende Bedeutung des sich verstellenden Opportunisten: Grandvilles Chamäleon erklärt sich in der konstituierenden Sitzung des Tierparlaments ausdrücklich mit allen seinen Vorrednern einverstanden (vgl. Abbildung).
   Heute sind die Redensarten in der Übertragung auf den Menschen verächtliche Bezeichnungen für jemanden, der seine Gesinnung (besonders in religiöser oder politischer Hinsicht) mehrmals verändert und sich gewissenlos anpaßt, wenn es ihm Nutzen verspricht. Auch in adjektivischer Form gebräuchlich: Ein chamäleonartiger Mensch, ein unbeständiger Mensch; Jemand paßt sich chamäleonartig an, wechselt chamäleonartig seine Gesinnung.
• O. KELLER: Die antike Tierwelt, 2 Bände (Leipzig 1909-13); K.G. JUST: »Chamaeleonte mutabilior«. Literarische Marginalien zu einem Reptil, in: Antaios 12 (1971), S. 381-400; H.-J. UTHER: Artikel ›Chamäleon‹, in: Enzyklopädie des Märchens II, Spalte 1214-1216; Der farbige Brehm.
Jubiläumsausgabe. Überarb. von Th. Jahn (Freiburg 16. Auflage 1983), S. 368-369; M. BAMBECK: Zur Geschichte vom die Farbe wechselnden ›Chamäleon‹, in: Fabula 25 (1984), S. 66-75.
Ein wahres Chamäleon. Grandville: G.W., Bd. 2, S. 810.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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