Doppelgänger
Einen Doppelgänger haben: jemand, der einem ›Wie aus dem Gesicht geschnitten‹ ähnlich ist. Daraus erwachsen nicht selten heitere, oft aber auch peinliche Verwechslungen. Ursprünglich war ›Doppelgänger‹ eine Bezeichnung für jemanden, von dem man annahm, er könne sich an zwei verschiedenen Orten zeigen (Bilokation), daher auch die in früheren Schriften häufig anzutreffende Schreibweise ›doppeltgänger‹), wie unter anderem auch bei Jean Paul (1763-1825) im ›Siebenkäs‹ (Sämtliche Schriften [Berlin 1926], 1, 93) beschrieben: »die Doppelgänger, so heiszen die Leute, die sich selbst sehen«. Wenn heute Doppelgänger-Ähnlichkeiten rational betrachtet und durchaus für möglich gehalten werden, so haftet ihnen dennoch die Vorstellung von etwas Unerklärlichem und Geisterhaftem an, wie sie auch im Volksglauben (Bildzauber), immer wieder begegnet.
   In der Sage findet sich der Doppelgänger hauptsächlich in folgenden Formen: Entweder jemand sieht seinen eigenen Doppelgänger oder sein Doppelgänger wird von einem anderen gesehen. Meist bedeutet das den bevorstehenden Tod, bisweilen kündet der Doppelgänger selbst den Tod an. Auch im Märchen ist das Doppelgänger-Motiv häufig anzutreffen, desgleichen in der belletristischen Literatur, in der es – vor allem seit der Entdeckung des Unbewußten – im Zusammenhang mit der Identitätskrise des Individuums eine Rolle spielt. Goethe, Maupassant, Shelley glaubten, ihren eigenen Doppelgänger gesehen zu haben.
   Die Dichtung entwickelte bei diesen Vorstößen in Grenzbereiche eine neue Version des Doppelgängers: die Verkörperung des unbewußten zweiten Ichs. Der Doppelgänger ist entweder der warnende Engel, das verdrängte gute Ich, oder der widrige Teufel als Vertreter der latent im Menschen schlummernden, immer wieder aufbrechenden bösen Triebe.
   Im 20. Jahrhundert hat sich der Film mit seinen spezifischen Möglichkeiten des Doppelgänger-Themas angenommen, desgleichen die Science-fiction-Literatur, in der Doppelgänger künstlich geschaffene Roboter sind. Sie stellen nicht mehr die Identität des Individuums in Frage, sondern eine hochtechnisierte und damit letztlich inhumane Gesellschaft.
   Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt das Doppelgänger-Motiv auch in Kriminalromanen, unter anderem bei Kapitalverbrechen, Versicherungsbetrug oder Psychoterror, z.B. um bei jemandem ›Halluzinationen‹ hervorzurufen oder um Schockwirkungen zu erzielen, wie sie z.B. bei E.T.A. Hoffmann beschrieben werden: » ... und beide, sich nicht nur gleichend, nein, einer des andern Doppeltgänger in Antlitz, Wuchs, Gebärde bleiben vor Entsetzen in den Boden festgewurzelt stehen«. Auf den Schrecken, den ein solches Erlebnis darstellt, weist auch die Frage: Hast du deinen Doppelgänger gesehen? Sie wird meist dann gestellt, wenn jemand nach kurzer Abwesenheit schreckensbleich zu den andern zurückckehrt. Dagegen leisten die Doppelgänger gute Dienste als hilfreiche Stellvertreter, z.B. als ›Double‹ im Film. Double.
• O. RANK: Der Doppelgänger, in: Imago 3 (1914), S. 97-164; C. MENGIS: Artikel ›Doppelgänger‹ in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens II, Spalte 346; W. KRAUSS: Das Doppelgänger-Motiv in der Romantik (Berlin 1930, Neudruck 1967); W.E. PEUCKERT: Der zweite Leib, in: Niederdeutsche Zeitschrift für Volkskunde 17 (1939), S. 174-198; V. MEYER-MATHEIS: Die Vorstellung eines Alter Ego in Volkserzählungen (Diss. Freiburg i. Br. 1974); E. FRENZEL: Motive der Weltliteratur (Stuttgart 1976), S. 94-114 (mit Literatur); W. PAPE: Artikel ›Doppelgänger‹, in: Enzyklopädie des Märchens III, Spalte 766-774.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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