Dorf
Das sind mir böhmische Dörfer: es sind unbekannte, unverständliche Dinge, davon weiß ich nichts. Die Entstehung der Redensart ist daraus zu erklären, daß viele Ortsnamen des böhmischen Gebiets den Deutschen, die die tschechische Sprache nicht verstanden, fremd klangen und bei der Aussprache Schwierigkeiten bereiteten. Die Wendung tritt bereits 1595 in Rollenhagens ›Froschmeuseler‹ (N. 1a) auf: ich sagt ihm das bey meiner ehren mir das Behmisch Dörffer weren.
   Eigentliche Verbreitung hat die Redensart erst seit dem Dreißigjährigen Krieg erfahren. In ihm wurde Böhmen derart verwüstet, daß unzerstörte Dörfer dort zur größten Seltenheit zählten. Zweifellos gewann in der Zeit dieses Krieges die Redensart einen doppelten Sinn; vgl. 1621 in Theobalds ›Hussitenkriege‹ (3, 108): »Es war das Land alles verderbet, also dasz noch ein Sprüchwort von einem unbekannten Ding ist: Es seyn bohemische Dörfer«. In Grimmelshausens ›Simplicissimus‹ (Band I, S. 25) heißt es 1668: »Es waren mir nur Böhmische Dörffer, und alles ein gantz unverständliche Sprache«. In Büschings ›Wöchentlichen Nachrichten‹ von 1767 (Band 2, S. 128) wird der Ausdruck so erklärt: »Davon weiß er, versteht er nicht, das starrt er mit Verwunderung an, c'est du grec, c'est de l'algebre pour lui«. Dieser Satz wird im Französischen nicht als feststehende Redewendung gebraucht, statt dessen heißt es: ›C'est de l'hébreu (hebräisch) pour moi‹. In seinem Roman ›Insel Felsenburg‹ sagt Schnabel: »Ihm kamen alle diese Dinge nicht anders als ungewisse Dörfer vor«. In Goethes ›Werther‹ ist die Redensart mit der Wendung Das kommt mir spanisch vor verschmolzen: »Das waren dem Gehirne spanische Dörfer«. Jüdisch-deutsch heißt es auch gelegentlich ›Das sen polnische Dörfer für mich‹.
   Die Feststellung Das sind Potemkinsche Dörfer bedeutet: es ist eine trügerische Vorspiegelung, nur äußerlich schön Hergerichtetes, das den wirklichen Zustand verbergen soll. Die Redensart beruht auf einem Ereignis der russischen Geschichte (nach zeitgenössischen Schilderungen): Fürst Gregory Alexandrowitsch Potemkin, seit 1774 Günstling und politischer Ratgeber der Kaiserin Katharina II., hatte 1783 die Krim erobert. Als die Kaiserin 1787 das neuerworbene Gebiet besuchte, ließ er schnell Dörfer an ihrem Weg errichten, die nur aus gemalten Fassaden bestanden, um ihr den wahren Zustand des Gebietes zu verdecken, sie zu täuschen und abzulenken. Ungeachtet dieser Attrappen lag jedoch tatsächlich eine beachtliche Kolonisationsleistung Potemkins vor, dessen eigentliche Bedeutung auf seiner mit unbeschränkten Mitteln durchgeführten Bevölkerungspolitik in den südrussischen Gebieten beruht. Er gilt auch als Städtegründer, dessen phantastische Projekte nur teilweise verwirklicht wurden. Die Redensart Potemkinsche Dörfer zeigen meint auch: Blendwerk errichten, falsche Tatsachen vortäuschen.
   Möglicherweise aus dem Hohen Lied Salomos (7, 12): »Komm, mein Freund, laß uns aufs Feld hinausgehen und auf den Dörfern bleiben« stammt die Wendung Auf die Dörfer gehen: sich mit Geringerem abgeben als bisher, sich an Naheliegendes halten; eigentlich vom Hausierer gesagt, dessen kleiner Kram ihm in der Stadt keine Geschäfte erlaubt. Die Redensart drang in die Kartenspielersprache ein, wo sie das Ausspielen der Nebenfarben bezeichnet; von da aus hat sie sich neu verbreitet. Ebenfalls aus der Skatspielersprache stammt die Redensart Aus jedem Dorf einen Hund haben: Karten jeder Farbe.
   Über die Dörfer gehen: etwas umständlich, weitschweifend tun oder erzählen.
   Berlin ist doch keen Dorf: es ist modern und weltoffen; so wird die Großstadt verschiedentlich ironisch mit Dorf bezeichnet, z.B. das ›Millionendorf‹ München.
   Zu Dorfe gehen, zu einem ins Dorf kommen sind besonders in den oberdeutschen Mundarten gebräuchliche Redewendungen. für ›in Gesellschaft gehen‹.
Die Redensart hat sich in den zerstreuten Ortschaften gebildet, wo Dorf den Mittelpunkt des Ortes mit der Kirche und dem Wirtshaus bezeichnet, wo man sich sonntags trifft. Vgl. auch französisch ›Aller au village‹, in derselben Bedeutung heute noch auf dem Land gebräuchlich.
   Du kommst mir auch noch ins Dorf: dich kriege ich schon noch zu fassen. Er ist nie aus seinem Dorf herausgekommen: sein geistiger Horizont ist beschränkt. Die Kirche im Dorf lassen, Die Kirche ums Dorf tragen, Mit der Kirche ums Dorf gehen Kirche.
• FR. P. MARCHANT: ›Böhmische Dörfer‹, in: Notes and Queries, 10th, 2 (1904), S. 86; K. KROESCHELL: Artikel ›Dorf‹, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte I, Spalte 764-774; K.-S. KRAMER: Artikel ›Dorflinde‹, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte I, Spalte 774-775; H. JÄGER, S. HELMFRID, H.V. GADOW, H. JANKUHN: Artikel ›Dorf‹, in: Reallexikon der germanischen Altertumskunde v. Hoops VI, S. 82-114.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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