Drache
Die phantastische Figur des Drachen gehört sowohl dem Mythos, der Legende an als auch dem Märchen und der Sage und ist eine der universellsten Gestalten der Folklore. Im Deutschen gibt es für dieses Wesen zwei Worte: Lindwurm (zu lateinisch lentus: biegsam) und Drache (aus lateinisch draco, griechisch drakon; gehört zum Verbum derkomai und meint eigentlich: der scharf Blickende).
   Im Drachentötermärchen hat man den Prototyp aller Zaubermärchen überhaupt gesehen. Allerdings sind die meisten Drachenkampf-Motive bereits in antiken und vorderasiatischen Heldensagen und Mythen vorgebildet. Der lang anhaltende Glaube an die reale Existenz von Drachen fand seine Stütze unter anderem auch darin, daß die Bibel an mehreren Stellen vom Drachen berichtet, der weithin mit dem Teufel gleichgesetzt wird (Gen, Dan, Hiob, Offb). Dem entspricht es auch, daß die katholische Kirche eine große Zahl von drachenbezwingenden Heiligen verehrt, von denen Georg und Margarete die bekanntesten sind. Unter dem Einfluß der christlichen Drachenkämpfer wird der Drachenkampf zum Inbegriff eines mittelalterlichen Heldenlebens. Dietrich von Bern, Siegfried, Artus, Tristan, Lanzelot, Wolf Dietrich, Wigalois, Heinrich der Löwe und viele andere mittelalterliche Protagonisten der Heldenepik waren samt und sonders unter anderem auch Drachenkämpfer.
   In den emblematischen Darstellungen noch der Barockzeit wird der Krieg selbst als Drache dargestellt; oder der niedergeworfene Gegner wird symbolisch als besiegter Drache, der Sieger als Drachenkämpfer gesehen. Die Symbolisierung eines militärischen oder politischen Sieges durch das Bild einer Drachenüberwindung ist ein weitverbreiteter Erzähl- und Bildinhalt. Die Idee der ›Verdrachung‹ (entsprechend der ›Verteufelung‹) des Gegners ist beliebig modernisierbar. Noch Zeitungskarikaturen der Gegenwart beweisen, daß jedes politische Problem zum ›Drachen‹ werden kann (der Drache der Arbeitslosigkeit, der Inflationsdrache etc.).
   Der im Wind fliegende Papierdrache, der die Feinde erschrecken sollte, entsprach in Ostasien wie in Europa einer gebräuchlichen Kriegslist, bevor er in der Neuzeit ins Kinderspiel überging. Aber auch den Kriegsmaschinen selbst, den Geschützen, Katapultschleudern etc., hat man in älterer Zeit die äußere Form eines Drachen gegeben. Zu diesem Imponiergehabe gehören auch Drachendarstellungen als Galionsfiguren von Schiffen oder auf Schilden, Standarten oder anderem Kriegsgerät. Aus diesen teils historisch, teils mythisch-märchenhaften Reminiszenzen erklären sich auch die auf den Drachen bezogenen Redensarten.
   Sie ist ein wahrer Drache (Hausdrache), sprichwörtlich für ein herrschsüchtiges Weib; auch französisch ›C'est un vrai dragon‹, in derselben Bedeutung. Der Vergleich mit dem Drachen ist darauf zurückzuführen, daß der Drache in Mythologie und Folklore als feuerspeiendes Wesen mit giftigen Zähnen beschrieben wird. Der Vergleich ist alt. Schon im A.T. heißt es: »Mit einem Löwen, einem Drachen, wollt ich lieber hausen als mit einem bösen Weibe« (Sir 25, 22).
   Bei der fliegt der Drache ein und aus wird von einer Frau gesagt, die man für eine Hexe hält und von der man glaubt, sie stehe mit dem Teufel im Bündnis.
   Mit einer scherzhaften Übertragung vom Kinderspiel sagt man: Ich lasse meinen Drachen steigen: ich führe meine Ehefrau aus. Die junge Redensart Jemandem Drachenfutter mitbringen: eine Süßigkeit für die Ehefrau oder Schwiegermutter, bewahrt die alte Vorstellung vom Hausdrachen.
   Dem Drachen die Zähne ausbrechen wollen: Versuch, einen ›giftigen‹ Menschen zur Sanftmut zu bringen. Gelingt das, heißt es: Der Drache hat seine Giftzähne verloren: er ist zahm geworden. In die Höhle des Drachen gehen: einen streitsüchtigen Menschen besuchen ( Löwe). Den Drachen aus der Höhle locken: jemanden ködern oder reizen, um ihn herauszulocken. Wie ein Drache auf seinen Schätzen liegen: sehr geizig sein. Der schatzhütende Drache kommt am frühesten in der Fabel des Phädrus (4,21) vom Fuchs und dem Drachen vor: der Fuchs stößt beim Bau seiner Höhle auf einen Drachen, der auf seinem Schatz liegt.
   In Märchen und Sagen tritt der Drache nicht nur als Schatzhüter, sondern auch als Schatzvermehrer auf, der das Gold wachsen lassen kann. Schon in der Spätantike war der Drache bekannt als Symboltier für die Mutter- und Vatersubstanzen des Goldes und für das Quecksilber. Er galt als Symbol der Metallverwandlung schlechthin. Die schatzvermehrenden Eigenschaften des Drachen haben in einigen Redensarten ihren Niederschlag gefunden, so in: Er hat den Drachen: er bringt es zu Wohlstand, oder – wenn der Wohlstand ausbleibt: Es ist noch kein Drache ins Haus geflogen. Eine obersächsische Redensart lautet: Der hat 'n Drachen: der verdankt dem Drachen, d.h. dem Teufel in Drachengestalt, seine Reichtümer. Diese Redewendung erinnert an den Volksglauben, daß der Drache den Menschen Schätze durch den Schornstein bringt, bei denen er aus und ein fliegt. So sagte man in Schlesien, wenn jemand unvermutet zu großem Wohlstand gekommen war: ›Inne, dar koan leicht räden – dam hots ju doch ock der Trache zur Fieresse runder geschmissen‹ (Kühnau): Schlesische Sagen, II, Nr. 678). Bis weit in die Neuzeit hinein galten Wohlstand und Reichtum vielfach als Teufelswerk. Drache und Teufel verschmolzen zu einer Figur.
   Veranlassung zu Drachensagen gaben auch die Gewässer, die sich von den Bergen ergossen oder das Land überfluteten. Auch in ihnen sah die Volksphantasie mächtige Schlangen oder Drachen. Die Redensart Ein Drach ist ausgefahren verwendet man, wenn der Gießbach von den Bergen stürzt. Sie beruht auf der vorwiegend alpenländischen Vorstellung des Wasserdrachens (Deutsche Sagen der Brüder Grimm I, Nr. 217).
• R. KNOPF: Der feurige Hausdrache (Diss. Berlin 1936); I. LÄMMERMANN: Drachendarstellungen in Literatur und Kunst des Mittelalters (Diss. Wien 1968); CL. LECOUTEUX: Der Drache, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 108 (1979), S. 13-31; F. HUXLEY: The Dragon; nature of spirit, spirit of nature (London 1979); L. RÖHRICH: Artikel ›Drache, Drachenkampf, Drachentöter‹, in: Enzyklopädie des Märchens III, Spalte 787-820.}
Hausdrache. Graphik von Max Ernst, aus: Une Semaine de bonté, 1963. Aus: Francis Huxley: The dragon, London 1979, S. 93.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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