Drescher
Durch das Ausdreschen des Korns aus den Ähren wird für den Bauern der Ertrag seiner Arbeit auf dem Feld erst richtig sichtbar. Das Dreschen mit dem Flegel bot vor der Einführung des Maschinendruschs den Landarbeitern (Tagelöhnern) ihr winterliches Auskommen. Auf größeren Gütern dauerte das Ausdreschen der Jahresernte meist über die ganze Winterzeit und war zugleich die schwerste und anspruchsvollste jährliche Arbeit, die große Körperkräfte und dazu eine besondere rhythmische Geschicklichkeit erforderte. Die redensartlichen Wendungen, denen das Bild des Dreschens zugrunde liegt, verwenden das Wort gleichbedeutend mit Schlagen, Prügeln sowie zur Darstellung ungestümer, roher Vitalität.
   Jemanden dreschen, Auf jemanden eindreschen bedeutet, ihn schlagen, verprügeln, auf ihn einhauen, in dieser Bedeutung schon im 16. Jahrhundert belegt: » ... wie ihn ... der teuffel geblewet und gedroschen habe« heißt es bei Luther (Ausleg. der ep. vnd. euang. von der heyl. dreykönige fest etc., 1525). Mundartlich z.B. ›De hebbt wi ordig dördöscht‹ steht in Schleswig-Holstein heute noch für ›die haben wir tüchtig verprügelt‹.
   Drauflos dreschen: rücksichtslos zuschlagen, nicht darauf achten, ob man jemanden beim Prügeln verletzt; vgl. englisch ›to tresh‹, ›trash‹. Die Doppeldeutigkeit von ›dreschen‹ im wörtlichen wie übertragenen Sinne spielt unter anderem eine Rolle in einem Schwank, in dem ein Bauer seinen Knechten vorhält, daß sie die Kornlagen nicht genügend ausdreschen. Er legt sich darunter, und die Knechte dreschen nun so ungezügelt drauflos, daß der Bauer fast die Besinnung verliert.
   Literarisch belegt ist die Wendung schon früher, unter anderem bei H. Sachs, 1578 (4.3.81):
   bisz doch zuletzt einem gelang
   dasz er sein brügel hoch aufschwang
   und traf die saw vorn an die stirn
   dasz sie filel, zabelt mit alln viern,
   dieweil der blind immerzu drasch
   bisz doch der saw das liecht erlasch.
ferner bei G. Rollenhagen im ›Froschmeuseler‹ 1595:
   und wenn's denn käm mit einem lauf,
   solten sie tapfer dreschen drauf.
Das Wort ›verdreschen‹ ist vor allem bei Kindern noch geläufig für handfeste Streitigkeiten untereinander, wobei nicht selten eine ganze Horde über einen einzelnen herfällt.
   Entsprechend auch Dresche kriegen: Prügel bekommen. Bei Fischart ›Gargantua‹ 255a (1575), heißt es zum Beispiel: »treschten auf ihn wie auf einen esel«. In Schlesien sagte man: ›A drescht nei, wie of n' gebarchta Oxa‹.
   Jemanden aufs Maul dreschen gebraucht schon Luther für ›jemanden zum Schweigen bringen‹. Rheinisch ›De kann äver (aber) de Mul dresche‹ bezeichnet dagegen einen geschwätzigen Menschen, der sein Mundwerk in steter schwungvoller Bewegung hält, wie der Drescher seinen Dreschflegel. In Anlehnung daran ›Zungendrescher‹ und ›Zungendrescherei‹ ( Zunge).
   Phrasen dreschen, Abgedroschenes Zeug reden: leeres Gerede von sich geben; Altes, schon Bekanntes wiederholen, genauso sinn- und nutzlos sprechen, wie Leeres Stroh dreschen ( Stroh).
   Eier dreschen Ei.
   ›De kann em Backowen Kore dresche‹, sagt man in Trier von einem kleinen Menschen. Die Redensart geht auf eine weit verbreitete eschatologische Sage zurück, wonach die Menschen immer winziger werden, bis am Ende der Zeiten ihrer zwölf in einem Backofen dreschen können. Rheinisch ›Der hat meat em Deiwel Scheass gedrescht‹ (= er hat Sommersprossen) und norddeutsch ›He sücht ut, as wenn de Düwel Arfen op em döscht harr‹ (von einem Pockennarbigen) parodieren den Sagenstoff vom Wettdreschen mit dem Teufel, bei dem es gewöhnlich hoch und unheilvoll hergeht. Der Vergleich ›He is so möd, as wenn he 'n gansen Dag döscht hett‹ hält die Erinnerung an die schwere körperliche Anstrengung beim Dreschen wach. ›E schläht dar wie en Drescher‹ (Bittburg), ›de läßt Ferz wie en Drescher‹ (Trier), wie auch die Redensart Scheunendrescher)Fressen wie ein Drescher ( Scheunendrescher) halten die Vorstellung von der kraftvollen derben Vitalität des Dreschers fest. Das Bild des Grobschlächtigen wird auch auf das Musizieren übertragen: Das Klavier dreschen, Auf dem Klavier ein Musikstück dreschen, Einen Walzer dreschen bedeuten, ein Musikstück ohne musikalisches Einfühlungsvermögen fehlerhaft und laut spielen. ›Das ist eine Drescherarbeit‹ steht für eine anstrengende schwere Tätigkeit und Luthers »die las nur grobe drescherspeise essen« meint bildlich rauhe Kost.
   In fremden Scheunen dreschen wird als Metapher für außereheliche Beziehungen gebraucht. In sexueller Bedeutung wird der Ausdruck schon in Fastnachtspielen des 15. Jahrhunderts verwendet: »Mein flegel soll nit in deiner scheurn treschen«. Und in einer Liederhandschrift aus dem 18. Jahrhundert heißt es:
   Es gieng guot tröscher veber land,
   er kam da er ze trösche fand,
   do fideler er ir,
   do giget si im gar suosse.
   Zart iunckfrow ir sind wol gemuot vff
   vewere ten, wer trossen gut [ ...]
Ein bairisches Necklied lautet ganz im gleichen Sinne:
   ›Miadei, geh mit mir in Tenna naus,
   da suach ma uns ja was zum Dröschn raus!‹,
   ›Nana, mei Hansei, du mei liaba Bua,
   zum Dröschn da is's ja noch z'fruah!‹
• A. KELLER: Fastnachtspiele aus dem fünfzehnten Jahrhundert, 3 Bände (Stuttgart 1853); G. QUERI: Kraftbayrisch (München 1912); A. BENTZIEN: Die mecklenburgischen »Drescher« und die Einführung des Maschinendrusches, in: Jahrbuch für Volkskunde 10 (1964) S. 25-42; I. WEBER-KELLERMANN: Arbeitsbräuche und Arbeitsfeste der Drescher, in: Arbeit und Volksleben. Deutscher Volkskundekongreß 1965 in Marburg (Göttingen 1967), S. 362-372; R. LICKTEIG: Eine Liederhandschrift aus dem 18. Jahrhundert [ ...] in der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek zu Donaueschingen. Zulassungsarbeit Freiburg 1967, Mskr.; K. RANKE. Artikel ›Dreschen‹, in: Enzyklopädie des Märchens III, Spalte 889-891; A. BECK und G. WIEGELMANN: Artikel ›Dreschen‹, in: Reallexikon der germanischenen Altertumskunde v. Hoops VI, Spalte 180-184.
Drauflos dreschen. Titelblatt von ›Der wahre Jacob‹, Nr. 733 18, Stuttgart, d. 28. August 1914, S. 8441.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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