Einhorn
Das Einhorn zu fangen versuchen: einem Phantom nachjagen.
   Das Einhorn ist bekannt als Fabeltier, das in der abendländischen Kunst in Gestalt eines Pferdes mit einem Horn mitten auf der Stirn auftritt. Obwohl in der Tierwelt kein solches Wesen bekannt ist, hat der Glaube an dieses Fabeltier in der chinesischen, indischen, islamischen und abendländischen Kultur weithin Verbreitung gefunden und sich lange erhalten.
   Die literarischen Zeugnisse haben einen fast unübersehbaren Umfang angenommen. Alle gehen letzten Endes auf fern-, mittel- oder nahöstliche Vorstellungen zurück. Als erster berichtete der griechische Arzt Ktesias aus Knidos, der 401 v. Chr. an den Hof des Artaxerxes II. von Persien kam, in seinem, das damalige Wissen über Indien zusammenfassenden Buch ›Indica‹ über das seltsame Tier, dessen Horn – zu Pulver vermahlen und als Getränk gereicht – gegen tödliche Drogen schütze. In China war das Einhorn ein heiliges Tier, das als scheu, wild, unbezähmbar, einsamkeitsliebend und als unfangbar galt. Sein Erscheinen wurde als gutes Omen gedeutet. Über Aristoteles gelangte das Wissen vom Einhorn zu Megasthenes (Quelle für Aelian) und zu Strabon. Selbst Caesar berichtete in seinem ›De bello gallico‹ von einem solchen Tier. Danach wurde die Überlieferung reicher, die Erscheinungsformen des Einhorns in den literarischen Belegen vielfältiger.
   Eine weitere Quelle für die unterschiedlichsten Glaubensvorstellungen boten die Legenden. Der ›Physiologus‹ berichtet in allegorisierender Umbildung einer altindischen Legende, daß das wilde Tier nur gefangen werden könne, wenn es, von einer Jungfrau angelockt, sich in oder vor ihrem Schoß niederläßt, so daß die Jungfrau selbst oder der Jäger es ergreifen können. Das Einhorn wurde daher sowohl zum Symbol der Fruchtbarkeit als auch der Keuschheit, d.h. es knüpfen sich einerseits erotische Vorstellungen daran, andererseits das Verständnis von Reinheit, so daß es auch als Mariensymbol in Literatur und Kunst des Mittelalters und der Neuzeit einging. Da sein Horn auch das von der Schlange vergiftete Wasser reinigt, sieht die christliche Ikonographie im Einhorn darüberhinaus einen Hinweis auf Christus, der die Welt von Sünden reinigt.
   Bei den Medizinern galt das angeblich von den Hörnern des Einhorns geschabte Pulver nicht nur als Mittel gegen Gift, sondern auch als Heilmittel gegen Fieber, Fallsucht, Bisse von Skorpionen und tollwütigen Hunden sowie als Aphrodisiakum (gewöhnlich nahm man dafür den Stoßzahn des Narwals, so daß dieser im Mittelalter zum Teil höher als Gold gehandelt wurde). Die große Bedeutung, die dem Medikament zugeschrieben wurde, läßt sich auch aus der Tatsache ersehen, daß viele Apotheken noch heute den Namen ›Zum Einhorn‹ oder ›Einhorn-Apotheke‹ tragen.
   Im 16. und 17. Jahrhundert befaßte sich zunehmend auch die naturwissenschaftlich-medizinische Literatur mit dem Einhorn und löste den Konflikt zwischen Glauben und wissenschaftlichem Denken durch die Vermutung, daß das Einhorn die Arche Noah nicht bestiegen hat und es dementsprechend in der Sintflut umgekommen sei.
• O. KELLER: Die antike Tierwelt, Band I (Leipzig 1909), S. 415-420; L. WEHRHAHN- STAUCH: Artikel ›Einhorn‹, in: Reallexikon der Kunstgeschichte IV (Stuttgart 1958), S. 1504-1544; M. LURKER: Artikel ›Einhorn‹, in: Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole (München 1972), S. 79-81; J.W. EINHORN: Artikel ›Einhorn‹, in: Enzyklopädie des Märchens III, Spalte 1246-1256; DERS.: Spiritalis unicornis: das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters (München 1976).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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