Eisen
Ein Eisen verloren (abgeworfen) haben: zu Schaden gekommen sein, einen Fehltritt begangen haben, besonders von Mädchen: die Jungfernschaft verloren haben, ein uneheliches Kind bekommen. Die Redensart kommt schon in einem frühneuhochdeutschen Fastnachtsspiel vor:
   Do sprach einer, der mir arges gunt,
   ich hett ein eisen abgerant.
In einem Schwank von Hans Sachs, in dem die Hausmagd und die Wochenmeisterin miteinander hadern und sich ihre Vergangenheit vorwerfen, sagt die eine:
   Deiner Art steckt auch deine Tochter vol,
   Die auch ein eysen hat verrent
   Mit jenem von mir ungenent.
In der ›Geschichtklitterung‹ Johann Fischarts ist 1575 die Rede von »Jungfrawen, die etlich Eisen abgeworffen hatten« (Neudruck S. 437). Die Redensart erklärt sich daher, daß Pferde ein lockeres Hufeisen durch einen Fehltritt leicht ganz verlieren und dabei zu Schaden kommen können. Vielleicht besteht auch ein Zusammenhang zwischen dieser Redensart und der ›Ballade vom Teufelsroß‹. Die buhlerische Pfaffenköchin wird darin in ein Teufelsroß verwandelt und muß neue Hufeisen erhalten, weil sie eben schon vorher ›die Eisen verloren hat‹, d.h. ihre Jungfräulichkeit eingebüßt und ein sündiges Leben geführt hat, so daß sie dem Teufel verfallen ist.
   Einem auf die Eisen sehen: scharf auf ihn achtgeben, ihn überwachen; schon um 1500 bei Geiler von Kaysersberg: »Das ist der eng Weg, da ein Mensch im selber uff die Yßen luget, was er thu«; in der ›Zimmerischen Chronik‹ (III, 50): »Also sahe im die oberkeit neher uf die eisen und für recht gestellet, beclagt und entlichen mit dem strang gericht«; in Jeremias Gotthelfs ›Bauernspiegel‹: »Meine Mutter nahm das alles für bar Geld und merkte nicht, daß der Alte nur kam, um ihr recht auf die Eisen zu sehen«.
   Die Wendung ist auch in anderer Form bezeugt, z.B. einem auf den Eisen sein: ihn verfolgen, eigentlich: sehr dicht hinter den Hufeisen des fliehenden Pferdes sein, oder: einem in den Eisen liegen: ihm nachsetzen, etwa in der ›Zimmerischen Chronik‹ (I, 357): »So lagen der Graf von Leiningen und der Herr von Ochsenstein den Herren von Liechtenberg auf der andern Seiten Reins in den Eisen«. Jemanden in Eisen legen: ihn in Fesseln legen, einkerkern; vgl. französisch ›mettre quelqu'un aux fers‹.
   Bei der Redensart miteinander im Eisen liegen: uneinig sein, sich zanken (z.B. bei Sebastian Franck in der ›Deutschen Chronik‹) hat man an eine Herkunft aus dem Doppelpranger des Mittelalters gedacht, doch ist sie wohl eher vom Schwertkampf hergenommen, denn bereits im 17. Jahrhundert (wenn nicht früher) heißt das Schwert Kaltes Eisen; daher die Wendung am kalten Eisen stecken: durch das Schwert ums Leben kommen. Zum alten Eisen werfen: wegwerfen; vgl. französisch ›mettre à la ferraille‹. Zum alten Eisen gehört, was ausgedient hat, sowohl altmodische Dinge wie Menschen; vgl. französisch ›C'est bon pour la ferraille‹.
   Unter ›Verachtung 18‹ sagt 1639 Lehmann (S. 780): »Man hält offt einen, alß hätt man jhn auffm Grempelmarck kaufft, oder vnter den alten Eysen funden, hält jhn vor ein Noll: vor ein Schuhbürst, würfft jhn hin wie alte Kartenblätter«. 1645 heißt es in den ›Facetiae facetiarum‹ (S. 255): »Die nunmehr unter das alt Eisen gerechnet wird«, oder als man im Sprichwort sagt »Federwisch vor der Hell feyl hat«. Rheinisch bedeutet ›bei et alt Ise gehüre‹: unverheiratet, Junggeselle sein.
   Ein heißes Eisen anfassen: an eine kitzlige und delikate Angelegenheit rühren. Die Redensart ist von dem mittelalterlichen Gottesgericht, der ›Eisenprobe‹ entlehnt. Bereits im 12. Jahrhundert wird dieser Rechtsbrauch näher geschildert: »der daz îsen gluoet unde ez danne hin treit, einem an die hant leit, ist er rehte dar chomen, daz han wir dicke wol vernomen, daz viur in nine (nicht) brennet«.
   Auch Hans Sachs ist diese Form des Gottesurteils noch bekannt, ohne daß er davon überzeugt zu sein scheint. Er verspottet sie in seinem Fastnachtsspiel ›Das heiß Eysen‹. Ein Ehemann fordert darin seine der Untreue beschuldigte Frau auf:
   Flucks nimb das Eyssn, weil es ist heiß,
   vnd trag es sittlich auß dem kreiß,
   das ich darbey mög nemen ab,
   was for ein frommes Weib ich hab!
Die Redensart Er kann heiß Eisen tragen für die Zicht: er ist unschuldig, weist ebenfalls auf das Ordal. Der zu Unrecht Bezichtigte unterzog sich freiwillig dem Gottesurteil, um seine Unschuld zu beweisen. Das Niederländische verbindet den gleichen Sinn mit dem ›hangijzer‹, einem Gestell über der Feuerstelle für die Töpfe und Pfannen: »Dat is een heet hangijzer om aan te vatten«, das ist eine heikle Sache, man könnte sich die Finger dabei verbrennen.
   Aus dem Bereich der Schmiede sind die folgenden Redensarten entlehnt: einen hauen wie kalt Eisen: ihn tüchtig durchprügeln; kaltes Eisen schmieden: etwas Überflüssiges, Unfruchtbares tun; ein Eisen im Feuer haben: es mit einer wichtigen Sache eilig haben; auch mehrere (zwei) Eisen im Feuer haben: gleichzeitig mehrere Pläne verfolgen, einen Ausweg kennen, wenn etwas scheitert, vielseitig, tüchtig sein. Die Redensart wird auch abgeleitet von den alten Bügeleisen, die auf dem Herdfeuer heiß gemacht werden mußten. Mit einem Holzgriff wurde das Eisen vom Herd genommen. Die alten Schneidermeister hatten meist ›zwei Eisen im Feuer‹, damit es keine Unterbrechung der Arbeit gab.
   Vgl. dagegen französisch ›Courir deux lièvres à la fois‹ (wörtlich: Zwei Hasen gleichzeitig nachlaufen): gleichzeitig mehrere Pläne verfolgen, und: ›avoir plusieurs cordes à son arc‹ (wörtlich: mehrere Stränge an seinem Bogen haben): einen Ausweg kennen, wenn etwas scheitert.
   Das Eisen schmieden, solange es heiß ist: den günstigen Augenblick ausnutzen, abgeleitet von dem bekannten Sprichwort, das z.B. französisch lautet: ›Il faut battre le fer pendant qu'il est chaud‹ (während es heiß ist).
   Ein Eisenbeißer sein: ein furchtloser, unerschrockener Kriegsmann, Raufbold sein, jemand, der sich eben zutraut, auf Eisen beißen zu können (vgl. niederländisch ›ijzenvreter‹, englisch ›fire-eater‹, ›spitfire‹). Schon früh sind Begriff und Redensart als Spott auf ruhmrednerische Aufschneiderei und Selbstverherrlichung, auf bloße Heldentaten mit der Zunge angewandt worden. Im ›Meier Helmbrecht‹ von Wernher dem Gartenaere heißt es (V. 408ff.):
   ich bizze wol durch einen stein;
   ich bin sô muotes raeze,
   hei waz ich isens vraeze!
In der gleichen Weise läßt auch Murner in der ›Schelmenzunft‹ einen Eisenbeißer auftreten:
   Ich byn der eyssen beysser knecht,
   Der weyt vnd breyt groß lob erfecht.
   Landt vnd leut hab ich bezwungen;
   Doch thun ichs fast nur mit der zungen.
Der redensartliche Vergleich wie von Eisen sein bezieht sich auf die Unverwüstlichkeit, die Festigkeit des Eisens.
• H. NOTTARP: Gottesurteile (Bamberg 1949); G. CARNAT: Das Hufeisen in seiner Bedeutung für Kultur und Zivilisation (Zürich 1953); K. JETTMAR: Der Schmied im germanischen Raum (Diss. Wien 1941); L. RÖHRICH: Die Ballade vom Teufelsroß, in: Der Deutschunterricht 15 (Stuttgart 1963), H. 2, S. 73ff.; E. MAROLD: Der Schmied im Germanischen Altertum (Diss. Wien 1967); O. HOLZAPFEL: Zur Phänomenologie des Ringbrauchtums, in: Zeitschrift für Volkskunde 64 (1968), S. 32-51, insbesondere 49f.; L. RÖHRICH und G. MEINEL: Reste mittelalterlicher Gottesurteile in sprichwörtlichen Redensarten, S. 343-345.
Ein heißes Eisen anfassen. Gottesurteil des glühenden Eisens 1840 (12. Jahrhundert), Lambacher Codex (Gemunden /Österreich, Kloster Lambach).
Eisenbeißer. Holzschnitt, Murner: Schelmenzunft, 1512.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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