Elend
aus althochdeutsch ali-lanti, eli-lenti, bedeutete ursprünglich: anderes Land, Fremde. Auf diese Grundbedeutung des Wortes geht die früher häufig gebrauchte Redensart das Elend bauen (mittelhochdeutsch ›daz ellende bûwen‹) zurück; ihr Sinn ist: in der Fremde, im fremden Land wohnen. Belegt bei Hans Sachs:
   So laszt ein zeit in ziehen hin,
   die land hin und wieder beschawen,
   das ellend versuchen und bawen.
So auch noch im bekannten Innsbruck-Lied. Die Worte werden dem Kaiser Maximilian zugeschrieben; die Weise stammt von Heinrich Isaak, um 1495:
   Innsbruck, ich muß dich lassen,
   Ich fahr dahin mein Straßen
   In fremde Land dahin.
   Mein Freud ist mir genommen,
   Die ich nit weiß bekommen,
   Wo ich im Elend bin.
Ähnliche Wendungen sind: das Elend räumen: in geistlichem Sinne = sterben, ins Elend fahren: in die Fremde gehen; im lustigen Elend leben: Soldat sein. Goethe war die ursprüngliche Bedeutung des Ausdrucks noch geläufig: »Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend« (›Hermann und Dorothea‹, 5. Gesang, V. 99); »Ins Elend übers Meer verbannst du mich« (›Die natürliche Tochter‹, V. 7); noch deutlicher bei Ludwig Uhland (Bidassoa-Brücke):
   Jedem ist das Elend finster,
   jedem glänzt sein Vaterland.
In einem früher vielgesungenen Volkslied heißt es:
   E ich mein Bulen wolt faren lan,
   E wolt ich mit ir ins Elend gan.
Später erhielt der Ausdruck ›elend‹ auch die Bedeutung von fremd, verbannt, hilfsbedürftig, jammervoll, und bezog sich also auf Fremde, Arme und Kranke, auf die Außenseiter der Gesellschaft, die Fahrenden, Gaukler etc., deren Rechte eingeschränkt waren und die daher in Armut und Not lebten.
   Auf die in vielen Ländern auf Abenteuer umherziehenden Ritter bezieht sich die kulturgeschichtlich merkwürdige Bezeichnung einer Mehlspeise: ›Arme Ritter in Elendsfett‹, wobei der Witz noch verdoppelt wird durch den Bezug auf das knochig-dürre Elentier, das man früher auch ›Elend‹ schrieb.
   Die heutige Bedeutung von Elend als ›Not, beklagenswerter Zustand‹ ist schon Luther bekannt; sie liegt den in der Gegenwart gebräuchlichen Wendungen zugrunde: das besoffene (trunkene, graue) Elend bekommen: den Zustand des Betrunkenen, in dem er wehmütig wird und zu weinen beginnt, schon 1575 in Gärtners ›Proverbialia Dikteria‹:
   das trunken Elendt weint der vierdt,
   daß in doch nüchtern wenig irrt.
Ähnlich: Man könnte das heulende Elend bekommen; Ein Elend machen: viel jammern; er sitzt da wie ein Häufchen Elend: er sitzt traurig da.
   Ein langes Elend (Leiden) sein: ein sehr hochgewachsener und magerer Mensch sein, seit Anfang unseres Jahrhunderts gebräuchlich.
• R. RIEGER: Artikel ›Elend‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens II, Spalte 777-780; W. EBEL: Über Redensarten und Recht, S. 1-12, besonders S. 8; H. THIEME: Artikel ›Fremdenrecht‹, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte I, Spalte 1270-1272.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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