Espenlaub
Zittern wie Espenlaub: heftig zittern; elsässisch ›Er zittert wie e Flauderespe‹; vgl. französisch ›trembler comme une feuille (morte)‹: wie ein (dünnes) Blatt zittern. Dabei braucht ursprünglich nicht – wie die Redensart heute gewöhnlich verstanden wird Angst die Ursache des Zitterns zu sein. Im ›Meier Helmbrecht‹ (um 1270, V.1850) wird von einem der Bauern, die dem blinden Helmbrecht seine früheren Untaten heimzahlen wollen, gesagt: »der bidemt vor girde sam ein loup« (= er zittert wie ein Laub vor Gier). Aber dem Mittelhochdeutschen ist auch bereits der heutige Sinn der Redensart ›vor Angst zittern‹ geläufig:
   er bibent unde wagete
   vor sorgen als ein espin loub.
So gebraucht sie im 16. Jahrhundert auch Thomas Murner: »zittern wie ein espenloub«, oder der Prediger Mathesius: »der engstiget und förchtet sich und erschrickt vor einem rauschenden Blat oder bebet on Underlasz wie ein Espenlaub«. Im Liederbuch der Hätzlerin (I, 30, 44) heißt es auch: »Zittern als ain Espinlab«.
   Die eigentümliche Stellung des langen, feinen, merkwürdig drehbaren Stieles des Espenblattes mit seinem schmalen Fuß auf dem Holze ist die Ursache, daß es beim leisesten Luftzug in Zittern gerät. Die verbreitete Redensart hat auch verschiedentlich sekundäre ätiologische Erzählungen angeregt (Thompson, Motiv-Index v. Stith Thompson A 2, 762.1.). In Schlesien heißt es, die Espe zittere deshalb, weil sie die Kreuzigung Christi mitangesehen habe. Aber es gibt auch gegenteilige Erzählungen. In der Oberpfalz z.B. erzählt man von der Espe, daß sie deshalb zittern muß, weil sie alleine beim Tode des Heilands teilnahmslos blieb, während alle anderen Bäume bebten. Adalbert Stifter berichtet in seiner Erzählung ›Der Baum, der sich nicht beugte, als der Herr auf Erden wandelte‹ von der Bestrafung der Espe mit ewiger Unruhe. In nord- und osteuropäischen Erzählungen wird oft der Gedanke ausgesprochen, daß die Blätter der Espe zittern, seit sich Judas an einer Espe erhängte oder weil das Kreuz Christi aus ihrem Holze gefertigt worden sei. Noch heute zittern die Blätter der Zitterespe vor Schreck darüber.
   Der Espe das Zittern lehren wollen ist eine Umschreibung für unnützes Tun.
• O. DÄHNHARDT: Natursagen, Band 11 (Leipzig und Berlin 1909), S. 230ff; H. MARZELL: Artikel ›Espe‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens II, Spalte 1020-1022; L. RÖHRICH: Sprichwörtliche Redensarten aus Volkserzählungen, S. 272.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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