Farbe
Schon früh stand Farbe für die Gesichtsfarbe als Zeichen von Gesundheit und Vitalität, so z.B. in Gottfried von Straßburgs ›Tristan‹ (um 1210): »sîn varwe und al sîn kraft began an sînem lîbe swachen« und auch bei Walther von der Vogelweide (gestorben um 1230): »si verlôs ir varwe«. Entsprechend auch heute noch: Der Kranke hat alle Farbe verloren, ist sehr blaß, schwäbisch ›der hat kei Färble me‹. Er hat eine üble (kranke) Farbe: sieht schlecht, elend aus. Er bekommt wieder Farbe: er erholt sich von der Krankheit oder Ohnmacht, sieht wieder besser aus. Farbe bekommen meint heute auch Sonnenbräune, badisch ›e Färble schinde‹, sich sonnen. Gesunde Farbe haben: vital, gesund aussehen und in übertragenem Sinne Farbe haben für Lebendigkeit und Ausdruckskraft. Farblos sein steht dagegen für krank, matt und bildlich für ausdruckslos, nichtssagend: ›Eine farblose Person‹, ›Ein farbloses Leben‹.
   Einer Sache Farbe geben: sie beleben und interessant gestalten. Dagegen z.B. immer in einer Farbe singen: monoton, langweilig, ohne Dynamik. Bereits im ›Trojanerkrieg‹ Konrads von Würzburg (gestorben 1287) hieß es: »sîne varwe verkêren« Seine Farbe wechseln, verändern: erröten oder erbleichen bei einem starken Affekt, z.B. vor Wut oder Schrecken.
   Jetzt hat die Sache eine andere Farbe!, sie erscheint in neuem Licht. Hermann Hesse schreibt (I, 639): es kam »durch einen Zufall eine ganz neue Farbe in sein Dasein« etwas ganz Neues.
   Die Farbe steht jemandem gut (schlecht) meint die Farbe seiner Kleidung. Die Farben beißen sich: sie passen nicht zusammen.
   Bereits Heinrich von Melk (2. Hälfte des 12. Jahrhundert) schrieb »mit vrömder varwe an dem wange«: geschminkt, auch heute noch sich (dick) Farbe ins Gesicht schmieren. Früh erhielt Farbe deshalb auch die Bedeutung von ›falsch‹, so in Freidanks (gestorben um 1233) ›Bescheidenheit‹ anklingend: »swâ wîp mit varwe ist überzogen, dâ wirt man lîhte an betrogen«. Bei Luther dann bereits vollends im Sinne von Schein und Vorwand: »ist aber solchs nur zur farbe vnd schein von innen erbotten« und »ein falscher schein vnd farbe des glawbens«. Daraus etwas mit der Farbe tun: unter dem Schein, Vorwand. Bei Georg Henisch (1616) schließlich: »Gefärbte Freundschaft / nit rein / nicht rechtschaffen«: unaufrichtig, falsch. Schwäbisch ›Horch, Kerle, du färbst aber!‹: du lügst, übertreibst. Norddeutsch ›He kann hexen un blau farwen‹: blauen Dunst vormachen, lügen. Er weiß, seiner Sache eine gute Farbe zu geben: einer schlechten Sache ein gutes Aussehen verschaffen. Einer Sache eine schöne Farbe anstreichen: sie von der günstigsten Seite vorstellen, früh belegt, so in Herolds ›Christenlicher Ee Institution‹ (1542): »aber was färblin wollten die irer entschuldigung anstreichen«.
   Etwas in den schlimmsten (wildesten, finstersten) Farben ausmalen (schildern): viel schlimmer, als es tatsächlich ist. Jemanden mit (sehr) häßlichen Farben abmalen: ihn unvorteilhaft darstellen, schlecht machen, über ihn eine schlechte Meinung abgeben. Farben dienten schon seit alters her als besonders augenfällige Kennzeichen dafür, daß jemand einer Person, einer Gruppe oder Partei, Verbindung, einer Weltanschauung etc. an- oder zugehört. So unterschieden sich z.B. die germanischen Stämme in der Bemalung ihrer Schilde: Friesen braun, Sachsen rot und Franken gold/weiß. Auch die Ritter trugen bei den Turnieren die Farbe ihrer Dame als Zeichen der Treuebindung an sie und Livreebedienstete hatten ihre uniformartige Dienerkleidung in den Farben ihres Herrn. Man spricht z.B. von den Farben eines Fußballvereins oder von den Nationalfarben eines Staates als seinem Hoheitszeichen. In Norddeutschland sagt man auch heute noch: ›dor is mi een in de Klör kamen‹ (von französisch couleur, Farbe): ins Gehege gekommen.
   Zu jemandes Farbe schwören: sich jemandem verschreiben. Jemandes Farbe tragen meinte ursprünglich die Farbe, die eine Herrschaft ihren Dienern gab und bedeutet bildlich von jemandem abhängig, ihm verpflichtet sein. Schweizerisch sagt man ›i d'r Farb si (cho)‹, wenn ein Staatsdiener bei hohen Anlässen den Amtsrock oder -mantel trägt. Gebräuchlich ist auch der französische Ausdruck ›Couleur‹ in der Bedeutung von Richtung, Prägung, Eigenart: ›Von einer bestimmten Couleur sein‹, ›Von verschiedener Couleur sein‹. Die Mitglieder einer farbentragenden Verbindung nennt man ›Couleur-Studenten‹.
   Obersächsisch ›das is eene Kaläär‹ oder mit dem scherzhaften Zusatz ›das ist dieselbe Kullör, nur in Grün‹: ganz gleich. Wenn jemand seine Darstellung absichtlich, tendenziös verändert, sagt man auch ›Er gibt seinem Vortrag eine ganz bestimmte Farbe‹. Etwas durch eine gefärbte Brille sehen: nicht objektiv, parteiisch, Brille.
   Farbe halten: treu, beständig sein, sich in der Probe als wahr oder echt erweisen, ist zunächst von gefärbtem Tuch gesagt worden, das auch in der Wäsche die künstliche Farbe behält. Dann aber bald in übertragene Bedeutung, von ›die Treue halten‹, ›beständig bleiben‹, ›Wort halten‹; so in der ›Zimmerischen Chronik‹ (II, 253): »die königin, wie wol sie erzürnt, so hielt sie doch farb, erhielt den König beim Leben«: sie hat ihm die Treue gehalten. 1639 heißt es bei Lehmann S. 88 (Bestehen 18): »Was Farben halten soll, muß man etlich mal tuncken«, und auf S. 815 (Unbeständigkeit 2): »Mancher hält nicht Farb. Ist ein Wetterhan, der sich mit allem wind umdrehen läßt. Wetterwendisch ...«.
   F. von Logau dichtet:
   Pferde kennt man an den Haaren,
   Kleider künnen offenbaren,
   Wie des Menschen Sinn bestellt
   Und wie weit er Farbe hält.
Der ursprüngliche Sinn der Redensart verblaßt, z.B. bei Schiller (›Wallensteins Tod‹ IV,2):
   Vom Staube hat er manchen aufgelesen,
   Zu hoher Ehr' und Würden ihn erhöht
   Und hat sich keinen Freund damit, nicht einen
   Erkauft, der in der Not ihm Farbe hielt.
Bei einer Farbe bleiben sagt man scherzhaft auch von einem Trinker, der bei einer Sorte bleibt. Die Farbe verleugnen: sich zu einer Sache nicht bekennen, jemanden oder etwas verraten. Die Farbe wechseln, schwäbisch ›der hat d'Farb g'wechselt‹ meint in übertragenem Sinne die Farbe einer Partei oder Sache, der einer angehört, eigentlich die Farbe der Fahne oder der Uniform, und bedeutet ›abtrünnig werden‹.
   Reden wie der Blinde von der Farbe, Blinde: nichts davon verstehen, die Wendung ist zuerst 1524 in J. Oldecops ›Hildesheimer Chronik‹ belegt: »reden also der Blinde von der Farve«. Dagegen bei Abele (›Künstliche Unordnung‹, 1670-74) »deutsch von der farb zu reden« wie auch schwäbisch ›von der Farb schwätze‹, unverblümt die Wahrheit sagen; vgl. französisch ›parler de quelque chose comme'un aveugle des couleurs‹.
   Aus dem Kartenspiel stammen Farbe bekennen: seine Meinung offen darlegen, eigentlich: die von den anderen geforderte Farbe aus der eigenen Hand nachspielen; vgl. französisch ›annoncer la couleur‹: seine Meinung sagen; etwas melden; mit der Farbe herausrücken: seine wahre Gesinnung zu erkennen geben; nicht mit der Farbe herauswollen: mit der Wahrheit hinter dem Berge halten, nichts gestehen. Bismarck hat diese Wendungen gern in seinen Reden benutzt: »Wir werden jedes Mittel anwenden, um Sie dahin zu bringen, daß Sie cartes sur tables spielen und Farbe bekennen müssen vor Ihren Wählern« (Reden XI, 82). Norddeutsch ›he hett dör de Klör juucht‹ (gejauchzt): hat nicht Farbe bekannt, hat betrogen.
   ›Sein Umgang, Beruf etc. färbt auf jemanden ab‹: hat eine nachteilige Wirkung, übt schlechten Einfluß auf ihn aus, gleicht ihn an.
   Bremisch ›blau farven‹ steht für sich betrinken. In Schleswig-Holstein bedeutet ›hier hett ener in Farv pedd‹ (getreten) oder ›den Farfpott umstött‹: jemand hat einen fahren lassen, wohl in Anspielung an die streng riechenden Dämpfe in den Färberwerkstätten.
• C. MENGIS: Artikel ›Farbe‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens II, Spalte 1189-1215; O. LAUFFER: Farbensymbolik im deutschen Volksbrauch (Hamburg 1948); E. TUCKER: Artikel ›Farben, Farbsymbolik‹, in: Enzyklopädie des Märchens IV, Spalte 840-853; A. ADLER: Ritterliche Verhaltensweisen und Ritterturnier im Fortleben der deutschen Sprache, in: Muttersprache 95 (1984/85), S. 253-263).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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