Fell
Seine Felle fortschwimmen sehen: seine Hoffnungen in nichts zerrinnen sehen. Die Redensart stammt aus dem Berufsleben des Lohgerbers: »Ich finde da nur noch den Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen« (Fontane: ›Frau Jenny Treibel‹, 1892, S. 257). Bismarck hat in einer seiner Reden (Band XII, S. 119) eine treffende Deutung der Redensart gefunden, indem er von Eugen Richter sagte: »Der Herr Vorredner sieht natürlich mit einer gewissen Sorge und Kummer – ich erinnere an das Bild, wie der Lohgerber die Felle fortschwimmen sieht – auf diese Vorlage und deren Annahme«.
   Fell wird in derber Sprache oft für die menschliche Haut gebraucht: einem das Fell gerben (bläuen): ihn durchprügeln; vgl. französisch ›tanner le cuir à quelqu'un‹ ( Schwarte). Gerade bei Ausdruck des Prügelns benützen die Mundarten meist das Wort Fell, z.B. rheinisch ›et Fell versohlen (gerven, schuren, besehn)‹, ›an op et Fell kommen‹, ›wat op et Fell gewen‹, ›se op et Fell kriege‹; ebenso schon 1577 in Johann Fischarts ›Flöhhatz‹: »Jnen zu gerben das zart fell«; ähnlich einen beim Fell kriegen, einem auf dem Fell sitzen; ihn juckt das Fell: er will seine Prügel haben; ein dickes Fell haben: unempfindlich sein; vgl. französisch ›avoir la peau dure‹ (wörtlich: eine harte Haut haben).
   Sich ein dickes (dickeres) Fell zulegen, ein dickes Fell bekommen: sich gegen Beleidigungen, Tadel, Verleumdungen abschirmen, nicht mehr so leicht zu verletzen sein.
   Rheinisch ›He stich en kenem gode Fell‹, er steckt in keiner guten Haut, ist ungesund.
   Einem das Fell über die Ohren ziehen: ihn betrügen, besonders von Kaufleuten gesagt, die einen arglosen Käufer ausbeuten und übervorteilen; auch von harten Herren, die ihre Untertanen ›schinden‹. Die Redensart stammt wohl nicht aus der Jägersprache, denn der Waidmann spricht nicht von ›Fell‹ und ›Ohren‹, sondern von ›Balg‹ und ›Decke‹, ›Lauschern‹ und ›Löffeln‹. Der älteste Beleg aus K. Stielers ›Der Teutschen Sprache Stammbaum‹ von 1691 (465) deutet vielmehr auf die landwirtschaftliche Tierhaltung: »Man kan die Schafe wol bescheren, man zieht ihnen darum das Fell nicht stracks über die Ohren«. Vor allem aber ist es der Abdecker, der kleineren Tieren den Balg bis an die Ohren und, nachdem diese gelöst sind, über den Kopf streift. Die Redensart ist auch in den Mundarten weit verbreitet, was für ihr hohes Alter spricht; z.B. rheinisch ›enem et Fell üver de Uhre (de Kopp) trecke‹.
   Jemandem das Fell von den Augen ziehen: ihm die Augen öffnen. Das ›Fell im/auf dem Auge‹ bedeutete den Augenstar, so in der Übersetzung Luthers von Lev 21, 20: »Denn keiner, an dem ein Fehler ist, soll herzu treten ... oder ein Fell auf dem Auge hat ...«. Auch in der ›Zimmerischen Chronik‹ (II, 608, 30ff.) in der Bedeutung von ›jemanden verblenden‹: »Die konten ... sovil zuwegen pringen, das dem gueten grafen ain vel übers auch zogen, mit listen hündergangen und sich bereden liess, das er das herrlich, nutzlich dorf umb ain spott also hingab und aignete.«
   Der ist nichts als Fell (Haut) und Knochen: er ist so mager, daß das Skelett nur noch durch die Haut zusammengehalten wird; vgl. französisch ›Il n'a plus que les os et la peau‹ (wörtlich: Er hat nur noch Haut und Knochen).
   Sein Fell zu Markte tragen: die Verantwortung mitsamt den Folgen auf sich nehmen; für 1888 bei Wilhelm Raabe bezeugt, jedoch in der Form ›Seine Haut zu Markte tragen‹ schon früh verbreitet.
   Nur noch wenig gebräuchlich sind Redensarten mit der stabreimenden Zwillingsformel ›Fell und Fleisch‹. Die Wendung ›Zwischen Fell und Fleisch‹ ist bei Henisch (1616) in konkretem medizinischem Sinne vermerkt: »quidquid est intra cutem & carnem«. Bildlich etwas steckt zwischen Fell und Fleisch: es ist noch nicht fertig, nicht entschieden, ist noch im Werden, wird auch von Krankheiten gesagt, die nicht recht zum Ausbruch kommen. Entsprechend bedeutet die rheinisch bezeugte Redensart ›zwischen Fell und Fleisch stecken lassen‹, sich nicht klar aussprechen wollen. Das sitzt mir (noch) zwischen Fell und Fleisch: ich bin (noch) unschlüssig, unentschieden. Norddeutsch ›he sitt twischen Fell un Fleesch‹: er befindet sich in einer kniffligen Lage. Es geht durch Fell und Fleisch, niederländisch ›dat gaat door vel en vleesch‹, es geht durch und durch ( Mark).
   Das Fell versaufen: nach einem Begräbnis (ausgiebig) feiern, trinken, zum Gedächtnis an den Verstorbenen einen Umtrunk halten, einen Leichenschmaus abhalten. Ähnlich ›Das Leder, die Haut, den Bast versaufen‹ (vertrinken, verzehren, essen usw.); denselben Brauch nennt man redensartlich auch ›Einen Leichenstein setzen‹. Dauert die Sitzung im Wirtshaus nach der Beerdigung sehr lange, so hört man in Lippe gelegentlich die Bemerkung, der Begrabene müsse ein ›zähes Fell‹ ('n tojen Bas') gehabt haben. Die Redensart ist im gesamten niederdeutschen und mitteldeutschen Sprachgebiet bekannt. In der 1604 zu Rostock erschienenen ›Laienbibel‹ des Nikolaus Gryse heißt es: »etlike ghan van dem grave in de badtstave, onde baden sick binnen vnde buten, edder verfoegen sick in de wyn – vnd beerkroege vnde spreken, se willen de hudt vorsupen vnde de sorgen vordrincken« (Schiller- Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch 2, 344). Obwohl die Formulierung ›Haut verzehren‹ zeitlich zuerst nachweisbar ist, erweist sich doch die Form ›Fell versaufen‹ als die ältere, ursprünglichere, häufigere und weiter verbreitete. Die gleichbedeutenden oberdeutschen Redensarten lauten: ›den Toten (Verstorbenen, die Leiche) vertrinken‹; aber auch niederdeutsch ›se versuupt dat Liek‹.
   Die Züricher wurden wegen ihrer großen Leichenschmäuse ›Totenfresser‹ und ›Totenvertrinker‹ genannt. Diese Ausdrücke sind schon im späten Mittelalter geläufig, wo in der Schweiz der Klerus ›Totenfresser‹ genannt wurde, weil er von den Vermächtnissen, die in jeder Ortskirche zum Seelenheil der Verstorbenen gestiftet wurden, lebte. Ähnlicher Sprachgebrauch läßt sich auch in den Nachbarländern nachweisen; französisch ›manger ou croquer la tête du mort‹: den Kopf des Toten verzehren (nicht mehr allgemein verbreitet); italienisch ›mangiar i morti‹ die Toten essen.
   Frühere Erklärungen der Redensart gingen von der Voraussetzung aus, daß mit dem Fell entweder die Haut eines Opfertieres oder, in bildlicher Übertragung, die des Verstorbenen gemeint sei. Aufschluß geben die oberdeutschen Formen. ›Einen vertrinken‹ bedeutet: auf seine Kosten trinken. Das schwäbische Wörterbuch verzeichnet einen Beleg von 1504: »wer aber saumig wurde, den sol man vertrinken umb ein zimblich tagelohn«. ›Den Toten vertrinken‹ bedeuet also: auf seine Kosten essen und trinken bzw. die Sterbe- oder Erbabgaben verzehren.
   K. Ranke sieht in der niederdeutschen Redensart eine volksetymologische. Entstellung aus den ›Gefällen‹ oder ›Fällen‹, mittelhochdeutsch und mittelniederdeutsch ›das (ge)vel(le)‹, ›die (ge)vel(le)‹. Der eigentliche Sinn wäre dann, daß ein Teil des Erbes, und zwar ursprünglich die Abgaben an den Leib-, Lehens- oder Erbherren oder an die Vertreter der Kirche, verzehrt wird. Analog dem oberdeutschen Bedeutungswandel mag auch in Niederdeutschland der von diesen Gefällen lebende Teil zuerst die Kirche oder der weltliche Leibherr gewesen sein, und erst später könnte der Ausdruck auf die Leichenfeier innerhalb der Trauergemeinschaft übertragen worden sein. Sicher hat dabei im protestantischen Norden wie auch in der Schweiz die Reformation insofern eine große Rolle gespielt, als sie einen bedeutenden Teil der Sterbeabgaben, besonders die an die Kirche, aufgehoben hat und diese nun den Überlebenden zugute kamen. Hierzu gehören Luthers Forderung: »Wollen wir den brauch, genant den todfall gantz und gar abgethan haben« (Weimarer Ausgabe 3, 113a), sowie zahlreiche protestantische Streitschriften der Reformationszeit.
   Mittelhochdeutsch ›vel(le)‹ ist Plural zu ›val‹, masculinum, und bedeutet: Ertrag, Zins, besonders auch Abgaben bei Todes- und Erbfall. Das Wort ist hochdeutsch bis in die neue Zeit hinein durchaus üblich, während es mittelniederdeutsch schon im 16. Jahrhundert unter dem Einfluß der Reformation seine alte Bedeutung zugunsten des neuen Sinngehaltes von Rechtsfall, Sachlage vollkommen verlor. Die Beziehung zu den niederdeutschen ›Fellen‹ stellt das mittelhochdeutsche ›lipvell‹, Leibfall her. Es bedeutet einerseits Abgabe nach dem Tode, andererseits Begräbnis, Leichenmahl, wie z.B. aus einem Gedicht Nik. Manuels hervorgeht, das den Monolog einer ›Seelnonne‹ wiedergibt, die gern guten Mahlzeiten bei Beerdigungen und Seelenmessen nachgeht:
   By kranken Lüten konnt ich wohl
   Man gab mir Geld und füllt mich voll,
   Den ich muß viel Weines trunken han,
   Sechs Maas gewinnen mir nicht viel an.
   Uf Leipfel, Siebend, Dreißigst und Jarzyt,
   Do was mir noch nie kein Myl Wegs zu wyt.
Diesen Sinn muß auch ›gefelle‹ oder das Simplex ›fall‹ Plural ›felle‹ gehabt, also entweder die Todfallgebühr an die weltliche und kirchliche Obrigkeit oder, in späterer Übertragung, die Ab- und Ausgabe zum Leichenmahl der Trauergemeinschaft bedeutet haben. Das beweisen auch deutsche und fremde Synonyma, die mit der Bedeutung ›Abgabe‹ das Leichenmahl oder die gebräuchlichen Leistungen an das Totengefolge bezeichnen: In Siebenbürgen z.B. schickte man dem Lehrer und den Helfern, die bei der Grabfolge mitgewirkt hatten, ›dat gebir‹ (Gebühr) zu Trank und Verzehr. In Salzburg dagegen nennt man die Feier nach der Beerdigung ›das Gsturie vertrinken‹, d.h. die Steuer vertrinken. In beiden Fällen wird das Mahl für die Leidtragenden noch als Abgabe, Steuer, Gebühr bezeichnet Auch französisch ›manger la tête du mort‹ muß eine ähnliche Bedeutungsverschiebung durchgemacht haben. Mit ›tête‹ ist nämlich nicht der ›Kopf‹, sondern die ›Kopfsteuer‹ gemeint, die beim Todfall geleistet werden mußte. ›Tête‹ in dieser Bedeutung entspricht genau dem alten ›besthaupt‹ oder dem mittellateinischen ›caput melius‹, d.i. dem besten Stück Vieh, Gewand, Möbelstück usw., das dem Herrn aus der Hinterlassenschaft seines Eigenmannes zustand. Erst nach der Aufhebung der Sterb- und Kopfsteuer, als der alte Sinn dieser Rechtsformel sich allmählich verlor, konnte ›tête‹ die Bedeutung von Kopf und ›felle‹ die von Haut erhalten. Während jedoch im Französischen das Grundwort erhalten blieb, fand im Deutschen eine Angleichung an ein ähnlich lautendes Substantiv (Fell) statt, ein häufiger Vorgang in der Volkssprache.
• E.L. ROCHHOLZ: Deutscher Unsterblichkeitsglaube (Berlin 1867); R. KOHLER: Die Haut
(das Fell, den Bast) versaufen, in: Kleinere Schriften III (Berlin 1900), S. 611-615; Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III, Spalte 1583 und V, Spalte 1081ff., ARTIKEL ›LEICHENMAHL‹ VON P. GEIGER; K. GÁL: Totenteil und Seelteil nach sudetendeutschem Recht, in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte 29, 225ff.; H. KOREN: Die Spende. Eine volkskundliche Studie über die Beziehung ›Arme Seelen – arme Leute‹ (Graz 1954); Deutsches Rechtswörterbuch 3,396ff., 1397ff.; K. RANKE: ›Fell versaufen‹. Geschichte einer niederdeutschen Redensart, in: Die Heimat 48 (1938), S. 279-282; DERS.: Indogermanische Totenverehrung (Folklore Fellows Communications 140) (Helsinki 1951); E.R. LANGE: Sterben und Begräbnis im Volksglauben zwischen Weichsel und Memel (Würzburg 1955), S. 119ff. L. RÖHRICH und G. MEINEL. Redensarten aus dem Bereich von Handwerk und Gewerbe, in: Alemannisches Jahrbuch 1971/72, S.163-198, insbesondere S. 179; H. SCHMÖLZER: A schöne Leich. Der Wiener und sein Tod (Wien 1980).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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  • Fell — Fell …   Deutsch Wörterbuch

  • Fell — (from the Old Norse fjall , mountain ) is a word used to refer to mountains, or certain types of mountainous landscape, in Scandinavia, the Isle of Man, and parts of England.EnglandIn Northern England, especially in the Lake District and in the… …   Wikipedia

  • Fell — Fell: Das gemeingerm. Substantiv mhd., ahd. vel, got. fill, engl. fell, schwed. fjäll »Hautschuppe« bedeutete ursprünglich »Haut« (von Mensch und Tier). Es ist verwandt mit lat. pellis »Fell, Pelz, Haut« (↑ Pelle und ↑ Pelz) und griech. pélla… …   Das Herkunftswörterbuch

  • Fell — Sn std. (8. Jh.), mhd. vel, ahd. fel Stammwort. Aus g. * fella n. Haut, Fell , auch in gt. * fill (gt. filleins ledern , gt. þrutsfill Aussatz ), anord. fjall, fell, ae. fell. Dieses aus voreinzelsprachl. * pelno n. Fell, Haut , auch in l. pellis …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Fell — Fell, a. [OE. fel, OF. fel cruel, fierce, perfidious; cf. AS. fel (only in comp.) OF. fel, as a noun also accus. felon, is fr. LL. felo, of unknown origin; cf. Arm fall evil, Ir. feal, Arm. falloni treachery, Ir. & Gael. feall to betray; or cf.… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • Fell — Fell, n. [AS. fell; akin to D. vel, OHG. fel, G. fell, Icel. fell (in comp.), Goth fill in [thorn]rutsfill leprosy, L. pellis skin, G. ?. Cf. {Film}, {Peel}, {Pell}, n.] A skin or hide of a beast with the wool or hair on; a pelt; used chiefly in… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • fell — Ⅰ. fell [2] ► VERB 1) cut down (a tree). 2) knock down. 3) stitch down (the edge of a seam) to lie flat. DERIVATIVES feller noun. ORIGIN Old English, related to FALL …   English terms dictionary

  • Fell — Fell, n. [Cf. L. fel gall, bile, or E. fell, a.] Gall; anger; melancholy. [Obs.] [1913 Webster] Untroubled of vile fear or bitter fell. Spenser. [1913 Webster] …   The Collaborative International Dictionary of English

  • fell — fell·age; fell·er; fell·ness; fell; …   English syllables

  • fell — fell1 [fel] vi., vt. pt. of FALL fell2 [fel] vt. [ME fellen < OE fællan, fellan (< Gmc * falljan), caus. of feallan (< Gmc * fallan), FALL] 1. to cause to fall; knock down [to fell an opponent with a blow] 2. t …   English World dictionary

  • Fell — Fell, n. [Icel. fell, fjally; akin to Sw. fj[ a]ll a ridge or chain of mountains, Dan. fjeld mountain, rock and prob. to G. fels rock, or perh. to feld field, E. field.] 1. A barren or rocky hill. T. Gray. [1913 Webster] 2. A wild field; a moor.… …   The Collaborative International Dictionary of English

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