Fenster
Beim mittleren Fenster stehen: eine mittlere, bescheidene Lebenshaltung einnehmen, wobei an die verschieden hohen Stockwerke eines Hauses gedacht ist. Die Redensart ist seit Anfang des 18. Jahrhunderts bezeugt, z.B. 1796 in den ›Skizzen‹ von A.G. Meißner (Band 2, S. 194): »Ich stehe jetzt, wie man sprichwörtlich sagt, am mittlern Fenster«, d.h. gleich fern zwischen Darben und Überfluß, und 1727 bei Picander (I, 411): »Es muß nun, wie du siehst, im mitteln Fenster stehn, a là Studentikòs, jedennoch nicht ein Luder«. Auch mundartlich, z.B. in Holstein: ›ut hoge Finsters kiken‹, hochmütig sein. Vielleicht ist der Ursprung dieser Redensarten auch in dem bildlichen Gebrauch von Fenster für Auge zu suchen; hierzu bietet die Volkssprache zahlreiche Beispiele, etwa: blaue Fenster davontragen: mit einem blauen Auge davonkommen, berlinisch ›blaue Fensterladen‹, blau angelaufenes Auge; mecklenburgisch ›sick de Finstern frisch verglasen‹, stark zechen. Auch bei Christian Weise (1642-1708) heißt es: »Wer mich nicht bei meinem Bruder lassen will, dem schlag ich die Fenster ein«. Bereits K. Stieler hat diese Redensart 1691 lexikographisch gebucht.
   Das schmeißt ihm keine Fenster ein: das schadet ihm nichts, im Gegenteil; von kleinen Opfern gesagt, die man bringt und die vielleicht ein späterer Gewinn mehr als ausgleicht. Bismarck hat diese Redensart anders, aber nicht weniger bildhaft, verwendet: »Jedes Land ist auf die Dauer für die Fenster, die seine Presse einschlägt, irgendeinmal verantwortlich, die Rechnung wird an irgendeinem Tage präsentiert in der Verstimmung des andern Landes« (Reden XII, 477).
   Das Geld zum Fenster hinauswerfen: es zweck- und nutzlos vergeuden, verschwenderisch sein; vgl. französisch ›Jeter l'argent par les fenêtres‹; obersächsisch ist auch belegt: ›die Stube zum Fenster 'nauswerfen‹, in toller, übermütiger Lust zu allem fähig sein.
   Da guckt man nicht drum zum Fenster 'naus: das ist nicht der Rede wert; durchs Fenster gehen: auf Umwegen zum Ziel gelangen; einen zum Fenster herein erstechen: von machtlosen oder hohlen Drohungen; entweder durch das Fenster oder durch die Tür: entweder – oder, eines von beiden, es ist kein anderer Ausweg; holsteinisch ›He hett Finster un Dören los‹, er ist sehr offenherzig; machts Fenster auf; laßt sie hinaus: umschreibend: das ist eine Lüge; es sind Fenster in der Stube: unberufene Zuhörer sind anwesend (vgl. Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 159). Mach's Fenster auf: Eichenlaub (Eigenlob) stinkt konnte man noch Anfang dieses Jahrhundert bei jeder Art Angeberei hören.
   Zum Fenster hinaus reden bzw. Reden zum Fenster hinaus halten: vergeblich reden, keinen Zuspruch finden. Auch: vor halb oder ganz leerem Auditorium sprechen, nicht für die wirklichen Zuhörer reden, sondern für die Öffentlichkeit.
   Sich etwas ans Fenster stecken: hin und wieder verwendete Redensart, die das gleiche ausdrückt wie: ›Sich etwas hinter den Spiegel stecken‹ Spiegel.
   Weg vom Fenster sein: Neuere Redensart die besagt, daß jemand nicht mehr ›gefragt‹ ist, d.h. außer Kurs, ohne Einfluß, ohne Stimme ist, vor allem als Politiker, Wirtschaftsmanager, Künstler, Wissenschaftler und – wie der ältere Arbeitnehmer – beruflich nicht mehr erwünscht, abgemeldet, erledigt ist. Ursprünglich war die Redensart vor allem im Showgeschäft geläufig, z.B. bei Schlagersängern. Daher liegt die Annahme nahe, daß mit dem Fenster die Öffentlichkeit gemeint ist, zumal die Wendung sich in erster Linie auf alle im öffentlichen Leben stehenden Personen bezieht.
• H.W. NIESCHMIDT: Window-Motifs in German Literature (Waikato [Australien] 1969).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

Synonyme:

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