Flasche
»Nachbarin, euer Fläschchen!« bittet Gretchen, deren Sinne zu schwinden drohen (Goethe ›Faust‹ I, Dom), um durch die darin enthaltene aromatisch-belebende Essenz eine Ohnmacht zu verhindern. Solche Riechfläschchen trug früher – besonders in der Zeit der durch Schnürkorsetts eingeschränkten Atmung – jede Frau bei sich.
   Der Griff zur Flasche konkretisiert sprachlich übermäßigen Alkoholkonsum, das ›Gefangensein in einer Flasche‹. Ein sprichwörtlich gewordener Slogan der Anti-Alkohol-Werbung heißt: ›Hilf dem Jungen aus der Flasche!‹ Zu tief in die Flasche gekuckt haben: betrunken sein ( Trinken).
   In vielen Bildern und Illustrationen – bis hinein in die moderne Werbegraphik wird der menschliche Körper als Gefäß dargestellt, und dementsprechend gibt es auch eine erotisch-sexuelle Signifikanz des Trinkens und der Trinkgefäße. Ein Blatt aus dem Historischen Museum in Basel von 1695 zeigt ein nacktes Paar von hinten.
   Die Worte des Mannes sind:
   Ich drage meine Pfeif, aufrichtig steif und veste.
   Hiermit verlustigt sich mein Schatz aufs allerbeste,
worauf sie erwidert:
   Sich liebes Hertze nuhn, weil du mich dust erlaben.
   Ich wil dir meine Flasch alzeit zu Dienste tragen.
›Pfeife‹ und ›Flasche‹ stehen hier stellvertretend für männliches und weibliches Genitalien. Ein anderer Holzschnitt, datiert schon 1520, zeigt ein Paar; die beiden trinken aus Gefäßen, die Geschlechtsteilen nachgebildet sind ( Bocksbeutel).
   An die männliche Symbolik der Flasche erinnern auch Bezeichnungen wie ›Flachmann‹ (Schnapsflasche) oder ›Henkelmann‹ (Eßgeschirr). ›Wir wollen den Kleinen mal pinkeln lassen‹ sagt man, wenn der Vater bei der Geburt eines Sohnes eine Flasche Sekt spendiert. In diesen Zusammenhang gehört vielleicht auch das ›Flaschendrehen‹ als Gesellschafts- und Pfänderspiel: Auf wen die Flasche beim Umdrehen, wenn sie stehenbleibt, zeigt, der muß eine bestimmte, meist erniedrigende oder entblößende Aufgabe ausführen.
   Die Flasche signalisiert aber auch weibliche Attribute: Die Baby-Flasche mit Sauger ist der Mutterbrust nachgebildet. Manche Leute sagen, wenn sie trinken, ›Sie nehmen einen zur Brust‹. Wer von der Milchflasche des Kleinkindes nicht loskommt, bleibt ein ›Flaschenkind‹, d.h. ein im Erwachsenenalter untüchtiges Wesen, ein Versager, Fiasko.
   Dreieckige Plastik- oder Papier-Milchtüten haben im Volksmund die spöttische Bezeichnung ›PicassoEuter‹ erhalten. Bekannt ist die Coca-Cola-Flasche als Nachformung einer weiblichen Figur. In Amerika kann man noch heute von einer hübschen Frau sagen: ›She has a shape like a Cokebottle‹. Nach dem wohlproportionierten Filmstar der Zeit um den 1. Weltkrieg wurde die Coca-Cola-Flasche als ›Mae West‹ bezeichnet. Viele Amerikaner nannten sie ›callipygian‹ in Anspielung auf den Beinamen Kallipygos (= ›die mit dem schönen Gesäß‹) der griechischen Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Aphrodite.
   Das zerbrochene Glasgefäß oder auch die entkorkte Flasche ist ein Bild der verlorenen Jungfräulichkeit. Im Märchen von Rotkäppchen (Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, 26) gibt die Mutter dem Rotkäppchen eine Flasche Wein mit auf den Weg und spricht ausdrücklich die Warnung aus, die Flasche nicht zu zerbrechen. Wenn die Flasche ein Vaginalsymbol sein kann, dann wird der Korkenzieher zum entsprechenden maskulinen Symbol. So sind Ausdrücke wie ›Flaschenöffner‹ (oder auch ›Büchsenöffner‹) vulgär-sprachliche Umschreibungen für den Penis. Vgl. schon Hoffmann von Fallerslebens Gedicht ›Stöpselzieher‹ von 1837. Alexander Pope formulierte mit umgekehrter Bedeutung: »Alle Mädchen sind Flaschen, die Korken brauchen«.
   Beim Stapellauf eines Schiffes, zugleich Zeitpunkt der Namensgebung, also der ›Schiffstaufe‹, wird eine Sektflasche gegen den Schiffsbug geworfen; sie muß dabei zerbrechen. Danach wird das Schiff zu Wasser gelassen, kommt also zum ersten Mal mit ›seinem eigentlichen Element‹ in Berührung. Die erste Reise nach Indienststellung – Probefahrten zählen nicht – wird ›Jungfernfahrt‹ genannt, denn jetzt muß sich erstmals bewähren, was über Jahre geplant, konstruiert und gebaut wurde.
   Während die Flasche aufgrund ihres Aussehens und ihrer Funktion als phallisches oder vaginales Symbol anzusehen ist, ist die leere oder umgefallene Flasche nicht selten ein Symbol des betrunkenen, impotenten, nicht mehr erektionsfähigen Mannes. Die leere Flasche ist nur noch Müll.
   Eine Flasche sein: nicht die in einen gesetzten Erwartungen erfüllen, ungeschickt, unsportlich sein, nichts taugen.
   In Abwandlung des bekannten Satzes ›Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist‹, heißt es scherzhaft auch: ›Sage mir, was du trinkst, und ich sage dir, was für eine Flasche du bist‹. Daraus geht hervor, daß die beleidigende Bedeutung des Ausdrucks ›Flasche‹ mit der Vorliebe des Trinkers für die Flasche zusammenhängt. Darauf deutet auch der Anfang des 1810 verfaßten Gedichtes ›Der Zecher‹ aus dem Märchen ›Der süße Brei‹ von A.F.E. Langbein: »Ich und mein Fläschchen sind immer beisammen«.
   Die entkorkte Flasche gilt als Sinnbild der freigesetzten Triebe, insbesondere in Volkserzählungen wie ›Der Geist im Glas‹ (Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.99) und motivgleich in einer Erzählung von ›Tausendundeiner Nacht‹ (›Der Fischer und der Dämon‹). Der ›bottle imp‹ erfüllt jeden Wunsch, solange man die Flasche zuläßt. Er hat alle Verführungskünste aufgeboten, bis man die Flasche doch öffnet. Real-Hintergrund solcher Erzählungen ist das Bannen von Dämonen und Krankheitsgeistern durch Exorzisten und das Deponieren solcher Flaschen in unwegsamem Gebiet oder in der Erde. In Märchen und Sagen verspricht der Inhalt der Flasche, jeden Wunsch zu erfüllen; in geöffnetem Zustand bringt er jedoch den Tod oder ist jedenfalls von tödlicher Gefahr.
   Sehr häufig dient das Bild des Flaschengeistes in der politischen Karikatur als Charakterisierung einer selbstverschuldeten Gefahr. Wenn man das Unbekannte, das in der Flasche steckt, herausläßt, entsteht eine unkontrollierte Gefahr: Der Geist steigt aus der Flasche und wird dann übermächtig.
• L. RÖHRICH: ›Flaschen‹, in: Jeggle / Korff / Scharfe / Warneken (Hrsg.): Volkskultur in der Moderne (Hamburg 1986), S. 332-346.
Sie trägt die Flasche, er die Pfeife. Zeichnung von 1695 (Detail): Flasche und Pfeife als Symbole weiblicher und männlicher Genitalien, Historisches Museum Basel.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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