Flötekies
Jo woll, Flötekies!, eine in Mundart und Umgangssprache des Rheinlandes verbreitete Redensart, gebraucht als grobe abschlägige Antwort auf irgendein Ansinnen, in ähnlichem Sinne wie die Wendungen: ›Einem etwas husten, pfeifen, blasen‹. Laut Nachweis des Rheinischen Wörterbuchs (Bd. 2, 1931, Spalte 657) ist Flötekies = Flötekäse der alte Name für Magermilchkäse, also eine Bezeichnung für minderwertige Käsesorten, ein Neben- oder Abfallprodukt der Butterherstellung.
   Der erste Bestandteil dieses Wortes, das ausgestorbene Verbum ›flöten‹, bedeutete ursprünglich: die ›Milch wieder fließend machen, den Rahm abschöpfen‹; ›flötenmelk‹ war entrahmte Milch. Da das Verbum flöten im Rheinland außer Gebrauch kam, wurde der Ausdruck Flötekies nicht mehr verstanden, seine ursprüngliche Bedeutung ging dem Sprachbewußtsein verloren. Deshalb setzte eine volksetymologische Umdeutung ein, indem das nicht mehr verstandene Wort in Zusammenhang mit flöten = pfeifen gebracht wurde. Es entstand die volkstümliche Auffassung, daß man durch den Genuß von Quarkkäse flöten oder pfeifen lernen könne. Im Rheinischen Wörterbuch (a.a.O.) heißt es, der Flötekies werde so benannt, »weil man ihn Stubenvögeln gab, um sie zum Singen zu bringen«. Dazu paßt die am Mittelrhein (St. Goar, Boppard) bezeugte Redensart ›De pfeift grad, als wenn e Keis gess hätt‹.
   Die abschlägige Antwort ›Jo woll, Flötekies!‹ bezeichnet auf der einen Seite also etwas Minderwertiges, Geringes, wozu andererseits noch ein zweites kommt: In der bildhaften Volkssprache will eben derjenige, der eine solche betont abschlägige Antwort gibt, sagen: Ich habe mit Hilfe des Flötekäses gründlich flöten gelernt und bin dadurch imstande, dir kräftig was zu flöten.
• K. MEISEN: ›Jo woll, Flötekies!‹ Die Entstehung und Bedeutung einer rheinischen Redensart, in: Zeitschrift für rheinisch-westfälische Volkskunde 1 (Bonn – Münster 1954), H. 3, S. 169-177.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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