Gähnmaul
Ein Gähnmaul machen (ziehen): durch eine verächtliche Mundgebärde Hohn und Spott ausdrücken. In Bayern und Österreich wird diese Gebärde noch heute vereinzelt von Erwachsenen gebraucht, sonst wird sie meist nur noch von Kindern ausgeübt.
   Bei dieser Grimasse erscheint der Mund unnatürlich breit gezogen: Die Daumen oder zwei andere Finger werden in die Mundwinkel eingehakt und ziehen den Mund nach beiden Seiten auseinander. Interessante historische Belege bezeugen, daß diese Gebärde bereits im 15. Jahrhundert schweren Schimpf bedeutete. Sie erscheint als Zeichen der Henker auf Bildern mit der Verspottung Christi im 15. und 16. Jahrhundert, z.B. auf der ›Dornenkrönung‹ an der Außenseite des linken Flügels vom Bamberger Altar von 1429 (Bayerisches Nationalmuseum, München). Zur gleichen Zeit tritt diese Gebärde auch bei Masken auf, z.B. auf einer Teufelsgestalt beim Schembartlauf in Nürnberg, und wird auch literarisch geschildert. Einen Frühbeleg gibt Rabelais', ›Pantagruel‹ (I. Buch, 18. Kapitel). Die wissenschaftliche Disputation zwischen dem englischen Gelehrten Thaumastos und Panurg, dem Stellvertreter Pantagruels, erfolgte in Paris öffentlich nur in der Gebärdensprache, wobei es heißt: »Da legte Panurg die zwei Mittelfinger an beide Mundwinkel, zog den Mund, so weit er konnte, auseinander und zeigte sein ganzes Gebiß, wobei er noch mit beiden Daumen die Augenwimpern so tief wie möglich herabdrückte, so daß er nach übereinstimmendem Urteil der Versammelten eine sehr leidige Fratze schnitt.«
• L. SCHMIDT: Die volkstümlichen Grundlagen der Gebärdensprache, in: Beiträge zur sprachlichen Volksüberlieferung (Berlin 1953), S. 240; L. RÖHRICH: Gebärdensprache und Sprachgebärde, S. 121 und 131f.}
Gähnmaul. Misericordiendarstellung in der St.-Peters-Kirche zu Löwen, 15. Jahrhundert.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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