Gasse
In der älteren Studentensprache bedeutete gassatim gehen: herumschwärmen, lärmend durch die Gassen ziehen. Die Redensart ist gebildet zum lateinischen Verbum grassari nach dem Muster der häufigen ostiatim, virgatim, privatim und lautete zunächst ›grassatim gehen‹; da die Gasse meist der Ort des lustigen Schwärmens war, wurde daraus ›gassatim‹. Schon um 1600 verstanden die Studenten diesen Ausdruck nicht mehr oder verwirklichten ihn grob witzelnd und falsch wörtlich, indem sie bei ihren nächtlichen Umzügen auf die Gassensteine mit Stöcken und Waffen hieben, wie das die Verse von Moscherosch in deutschlateinischer Mischsprache schildern:
   bursa studentorum finstri sub tempore nachti,
   cum sterni leuchtunt, mondus quoque scheinet ab himlo,
   gassatim laufent per omnes compita gassas
   cum geigis, cytharis, lautis, harphisque spilentes,
   haujuntque in steinos, quod feurius springet ab illis.
Der Ausdruck ist dann auch in die Mundarten eingedrungen und findet sich z.B. im Schwäbischen, wo ›gassate gehen‹ so viel bedeutet wie: zwecklos umherschlendern, spazierengehen; rheinisch ist ein ›Gassatengang‹ ein erfolgloser Gang. Die bairische Mundart hat nach ›gassatim‹ das Verbum ›gassieren‹ gebildet. Im Volkslied des 18. Jahrhunderts (Erk: Liederhort 303) heißt es von einem Freier:
   Ein junger Knab gassaten gieng
   Wol um der Jungfern willen,
   Er gieng vor ihr Schlafkämmerlein ...
Belege für die Redensart finden sich häufig in der älteren deutschen Dichtung; Johann Fischart hat in Anlehnung an ›gassatim‹ einen ganzen Katalog ähnlicher Wörter für unnützes Treiben gebildet: »nach dem nachtessen ... giengen sie herumb gassatum, hispenspilatum, mummatum, dummatum, fenstratum, raupenjagatum« (›Gargantua‹ 171b). Bei Grimmelshausen erzählt Simplicissimus von dem Praeceptor: »Daher gieng ich schon bei Nacht mit ihm und seines gleichen gassatim und lernete ihm in Kürze mehr Untugenden ab als Latein« (1, 428).
   Ein Ausdruck ähnlicher Bedeutung war Gassen hauen, wobei ›hauen‹ ursprünglich im Sinne von ›beim Gehen schnell und derb auftreten‹ gebraucht wurde (Belege bei Schmeller I, 1024). Einen solchen Nachtschwärmer und Pflastertreter nannte man einen ›Gassenhauer‹. Diese Bezeichnung ging später auch auf die Gassentänze und Gassenlieder über; so heißt es 1517 bei Aventin (I, 542, 12): »gassenhawer, die man auf der lauten schlecht«. Bis ins 18. Jahrhundert wurde ›Gassenhauer‹, ›Gassenlied‹ gebraucht für Volkslied, bis dann durch das von Herder 1773 geprägte Wort Volkslied das Wort Gassenhauer einen abwertenden Sinn bekam.
   Auf die Gassen gehen, Gäßlein gehen, gässeln, gasseln sind altbairische Ausdrücke für das Fensterln, auf nächtlichen Besuch vor die Schlafkammer der Geliebten gehen (entsprechend alemannisch ›zur Stubete gehen‹, ›heimgarten‹, ›auf den Strich gehen‹). Für die österreichischen Alpenländer hat Ilka Peter den Gasslbrauch in einer methodisch ausgezeichneten Monographie dargestellt.
   Wenn eine Tatsache stadtbekannt geworden ist, sagt man Das wissen selbst die Kinder auf den Gassen; sprichwörtlich schon bei dem Prediger Mathesius (1504-65):
   Die kinder auf der gassen wusten,
   Das eitel betrug in klöstern war.
Rheinisch ›De geht de Gass eraf‹, ›der geht die Gass enunner‹, mit ihm geht es zu Ende, er stirbt bald ( Bach).
   Als ›Gassenjungen‹ bezeichnet man auch die Kinder aus den untersten sozialen Schichten in den Städten. Da dort die Wohnverhältnisse mehr als beengt waren, wurden die Kinder zum Spielen auf die Gasse geschickt.
   Gassi gehen: mit seinem Hund einen Straßenbummel machen, um ihm den nötigen Auslauf zu geben sowie Gelegenheit, seine Notdurft zu verrichten.
   Hans Dampf in allen Gassen, Hans.
• H.J. MOSER: Der Gassenhauer, in: Faust, Heft 10 (1923/24), S. 8ff.; I. PETER: Gasslbrauch und Gasslspruch in Oesterreich (Salzburg 1953); G. RÖSCH: Das deutsche Kiltlied (Diss. masch. Tübingen 1957); E. KLUSEN: Volkslied. Fund und Erfindung (Köln 1969).

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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