Geduld
In der Geduld stehen (liegen, sitzen): an einer geschützten Stelle sein; sich bei üblem Wetter im Freien befinden, aber gegen Wind und Wetter geschützt sein. Die Wendung ist sächsisch, thüringisch und schlesisch bis heute gebräuchlich. Ausgangspunkt der Redensart ist die Sonderbedeutung von Geduld als ›Gelassenheit‹, dazu das Adjektiv mittelhochdeutsch gedultic = gelassen und mittelniederdeutsch dult = Ruhe, Frieden, im Gegensatz zu ungedult = Feindseligkeit, z.B. bei Walther von der Vogelweide:
   man sol sîn gedultic wider ungedult
   swen die boesen hazzent âne sine schult.
(= Man muß Gelassenheit gegen Feindschaft und Haß setzen, Frieden gegen Unfrieden). Die Bedeutungsentwicklung von Geduld ging weiter über ›entspannte Stimmung im Leben‹ zu ›geschützte Stellung im Raum, Windschutz‹, in der letzteren Bedeutung 1745 in Chemnitz »ein Haus, das in der Geduld liegt« (J.A. Weber: Teutsch-lateinisches Wörterbuch 328b).
   Mit Geduld und Spucke (fängt man eine Mucke): mit Ruhe kommt man eher zum Ziel, so wie der Kluge, der dem Pferdeschwanz die Haare einzeln auszieht – im Gegensatz zum Narren, der ihn auf einmal ausreißen möchte.
   Geduldig wie ein Schaf sein: Überaus langmütig sein, Schaf.
   Die Geduld verlieren: ungehalten und zornig werden.
   In einem Gedicht von Wilh. Wackernagel ›Deutsches Lesebuch‹, 1835/36 heißt es:
   Es ist Geduld ein rauher Strauch
   mit Dornen aller Enden.
Schon Diego de Saavedra Fajardo (1584-1648) erläuterte die Geduld eines Fürsten am Beispiel eines dornigen Rosenstrauchs: »... Alles scheinet (bei der Regierung) mit dornen und schwierigkeiten erfüllet zu sein /... Er halte standhaftig auß / er hoffe gedultiglich und beständiglich / und lasse unterdessen die mittel auß den händen nit ...«
   Karl Jul. Weber (›Democritos‹, 1832/40) erläutert etwas genauer, worin die Tugend der Geduld denn eigentlich besteht: »... die gemeine Geduld ist meist Gefühllosigkeit, Trägheit und Feigheit; nur diejenige Geduld, die dem Druck der Umstände klug entgegenwirkt und die Zeit abwartet, wenn Mut und Stärke nicht jetzt zum Ziele führen, ist allein Tugend, die sich selbst belohnt«.
   Ein Sprichwort lautet: ›Es ist leicht geduldig zu sein, wenn man Schaf ist‹, wobei auf die Duldsamkeit der Untertanen und Abhängigen angespielt wird.
   Jemandes Geduld ist am Ende (mit seiner Geduld am Ende sein). Die Begründung dafür findet sich in vielen literarischen und bildlichen Zeugnissen (der Frühzeit).
   In einem Emblem wird das Aufbegehren eines gereizten Geduldigen vor Augen geführt unter dem Bildtitel: ›Ein Schaf stößt Szepter und Krone nieder‹. Auch in einem anderen Emblem mit dem Bildtitel: ›Ein Widder greift einen Knaben an‹, werden die Folgen dauernder Verletzung sichtbar gemacht. Das lateinische Epigramm dazu hat den Wortlaut (in deutscher Übersetzung): »Allzu sehr verletzte Geduld wird oft zur Wut; kränke die Gutmütigen, die auch dich nicht kränken, nicht zu oft«. Vgl. auch französisch ›Ma patience est à bout‹ und niederländisch ›Zijn geduld loopt ten einde‹.
   Jemanden um Geduld bitten (müssen): bei jemandem um Verständnis für eine Verzögerung nachsuchen, z.B. bei fälligen Abgaben und Rechnungen, bei der Rückzahlung von Schulden, aber auch bei anderen Versäumnissen (Fertigstellung einer Arbeit, Schreiben eines ausführlichen Berichtes, eines erwarteten Briefes); oft auch in der redensartlichen Formulierung: hoffen, sich noch etwas gedulden zu wollen.
   Etwas mit Geduld (geduldig) ertragen: Krankheit, Kummer, Schwierigkeiten, auch: Schmerzen, Armut und Leid klaglos hinnehmen, sein schweres Geschick ergeben auf sich nehmen. Dies wurde früher als besonders lobenswerte Tugend und als beispielhaft empfunden. So meinte auch Luther: »Geduld ist die beste Tugend, so in der heiligen Schrift vom heiligen Geist hoch gelobt und gerühmet wird« (›Tischreden oder Colloquia‹ [1566], Nr. 14, § 24). Etwa ein Jahrhundert später dichtet Friedrich v. Logau:
   Leichter träget, was er träget,
   Wer Geduld zur Bürde leget.
   (›Deutsche Sinn-Getichte‹ [1654], Geduld).
Jemanden mit Geduld ertragen: einen schwierigen, launenhaften Menschen, selbst einen Nörgler und Undankbaren liebevoll betreuen, immer um Ausgleich bemüht sein, Kränkungen verwinden, bei jemandem ausharren, auch wenn es schwerfällt. Die Wendung kann auf Ehepartner, Kinder, Kollegen, Kranke und unleidliche Hilfsbedürftige bezogen werden, die ihren Partnern, Helfern und Pflegern das Leben sauer machen.
   Dem Ungestümen, dem heftig Aufbegehrenden wurde empfohlen: Übe dich in Geduld oder Versuche, Geduld zu lernen.
   Auch wenn eine Sache aussichtslos scheint, wird sie nach alter Vorstellung mit Geduld am ehesten überwunden. Das zeigt auch eine Abbildung aus dem 16. Jahrhundert, die eine Weisheit aus Ovid (Ars amandi II, 178; Amores III, 11,7) illustriert: Ein Knabe versucht, sich mit einem Sieb gegen Regen zu schützen. Es ist zwar vergeblich, doch tröstet er sich nach dem Motto: »Dulde und halte aus: Das Unwetter wird einmal vorübergehen, und um so heller wird der Tag mit klarem Himmel leuchten«.
   Auch die Redensart ›Papier ist geduldig‹ geht auf eine alte römische Weisheit zurück. Sie ist eine sinngemäße Übersetzung des Spruchs ›Epistula non erubescit‹ (ein Brief errötet nicht) aus Ciceros Briefen ›Ad familiares‹ V, 12, 1, Papier.
   Um eine neuere Wendung handelt es sich dagegen bei der Redensart ›Das ist ein Geduldsspiel‹, d.h. ein mühsames Unterfangen, eine Puzzlesarbeit, Puzzle.
• D.D. RUSCH-FEJA: Artikel ›Geduld‹, in: Enzyklopädie des Märchens V, Spalte 816-821; K. REICHL: Artikel ›Geduldstein‹, in: Enzyklopädie des Märchens V, Spalte 824-833.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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