gelb
Er hat noch das Gelbe am Schnabel, er ist ein Gelbschnabel: er ist noch jung und unerfahren. Die Redensarten beruhen darauf, daß die Schnäbel junger Vögel mit einer hellgelben Haut überzogen sind. Nic. Gryse spricht 1596 im ›Wedewen Spegel‹ (77a) von »junge melkmunde (›Milchbarte‹), de dat geel noch nicht von dem schnabel gewischet«. Die Redensart ist ferner belegt bei Luther: »sind gelehrt genug und (haben) doch das geel am Schnabel nicht abgestoßen«. In Grimmelshausens ›Simplicissimus‹ entstand daraus in Anlehnung an eine andere Wendung (›Er ist noch nicht trocken hinter den Ohren‹): »wann mancher nur kaum das Gelb hinter den Ohren verlohren und buchstabiren gelernt, so muß er schon französisch lernen«. ›Gelbschnabel‹ ist schon bei Mathesius (Sir 1,35) 1586 bezeugt.
   Einem den Gelbschnabel zeigen: ihm seine Unerfahrenheit vorhalten. J.W. Goethe schreibt in ›Wilhelm Meisters Wanderjahren‹ (2,3): »Mit der Kühnheit eines waghalsigen Gelbschnabels«, dann aber dem Rhythmus zuliebe in ›Faust‹ II:
   Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt,
   Den gelben Schnäbeln keineswegs behagt.
Auch in den Niederlanden kennt man den Ausdruck ›geelbek‹, und in Frankreich heißt er ›béjaune‹ (aus: bec jaune). Schon im 14. Jahrhundert hießen auf Pariser Lateinschulen die jungen Ankömmlinge ›becani‹. Niederdeutsch herrscht allgemein eine verächtliche Auffassung der gelben Farbe vor. Die sehr oft belegte Redensart ›Dat fallt int Geele‹, es mißlingt, ist bereits in einer Bremer Handschrift des beginnenden 18. Jahrhunderts belegt. Von einem, der eine eigenartige Aussprache hat, sagt man mecklenburgisch ›He spreckt so gäl‹, und holsteinisch ›geel snacken‹ steht allgemein für: hochdeutsch reden. Vgl. Specht: Plattdeutsch (1934), S. 110: ›Der Hochdeutsche snackt geel (gelb) und ist ein Quiddje‹.
   Es wird ihm gelb und grün vor Augen: ganz jämmerlich zumute, beruht wohl auf einem eintretenden Schwindelgefühl, das diese Farberscheinungen im Auge mit sich bringen kann; vgl. ›Sich gelb und grün ärgern‹, grün. In Gottfried A. Bürgers Ballade ›Der Kaiser und der Abt‹ heißt es von dem Abt:
   ...schon kam der Termin!
   Ihm ward's vor den Augen bald gelb und bald grün.
Auch bei M.A. Thümmel ist die Wendung bezeugt (›Reise in die mittägigen Provinzen von Frankreich 1791-1805‹, 5, 161): »dasz mir grün und gehl vor den augen ward«. Darüber hinaus begegnet die Wendung mehrfach in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (53, 91).
   ›Den gelben Abschied bekommen‹ (schweizerisch), mit Schimpf und Schande entlassen werden, beruht angeblich auf dem Abschied auf gelbem Papier, den Söldner bekamen, die sich der Päderastie schuldig gemacht hatten.
   Jemandem die gelbe Karte zeigen: ihn verwarnen, Redensart aus dem Sport. Wenn jemand im Fußballspiel foult, zeigt ihm der Schiedsrichter mit hoch erhobener Hand, also weithin sichtbar, gelb, Karte.
   Das ist (ja) nicht (gerade) das Gelbe vom Ei: nicht das Bestmögliche; hier liegt die Vorstellung zugrunde, daß der Eidotter das Beste des ganzen Eies sei bzw. am besten schmecke.
   Im Altertum galt Gelb als Farbe der Vitalität. Gelb erscheint der Goldschmuck der Könige und Kaiser, gelb auch das Gewand der Brahmanen. In manchen Gebieten des Mittleren und Fernen Ostens war es eine heilige Farbe, die Königen und Priestern vorbehalten war. Im alten China war Gelb Symbolfarbe der Erde mit zugleich erotischer Bedeutung. In der Farbensprache des Mittelalters galt Gelb hingegen als Zeichen erfüllter und gewährter Liebe. Im allgemeinen hatte die Farbe Gelb im Mittelalter aber eine negative Bedeutung, wie sie z.B. enthalten ist in der Beschimpfung ›Du gelber Sack‹. Gelbe Kleider hatten die Dirnen zu tragen. In Dürrenmatts Tragikomödie ›Besuch der alten Dame‹ trugen die Güllemer gelbe Schuhe, nachdem sie zu Geld gekommen waren und dies auch zur Schau stellen wollten.
   Goethe bezeichnet ›Gelb‹ in seiner ›Farbenlehre‹ als die nächste Farbe am Licht.
   Gelb ist aber auch die Farbe des Todes, des Neides und der Bosheit:
   so bin ich gel recht wie ein tot,
   das mir das liecht im hirn zergot.
   (Murner: ›Narrenbeschwörung‹ [1512], 93, 17);
und bei Ringwald heißt es (›Treuer Eckart‹, 1608): »vor bosheit gelb war als ein wax«.
   Noch heute kennt man die Redensart Gelb wie Wachs sein, aber auch ›Quittegelb‹, freilich eher im Sinne von: kränklich aussehen, ferner die Wendung: Vor Neid gelb werden. Bei Jean Paul heißt es im ›Siebenkäs‹ (1826): »mit gehlsüchtigen Blicken«, d.h. mit ›neidischen Blicken‹.
• O. LAUFFER: Farbensymbolik im Deutschen Volksbrauch (Hamburg 1948); C. MENGIS: Artikel ›gelb‹, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens III, Spalte 570-583; R. HARVEY: ›Gelwez gebende‹. The Kulturmorphologie of a Topos, in: German Life and Letters 28 (1975), S. 263-285; W. DANCKERT: Symbol, Metapher, Allegorie im Lied der Völker (Bonn – Bad Godesberg 1976), I, S.411-417; E. TUCKER: Arti-
kel ›Farben, Farbsymbolik‹, in: Enzyklopädie des Märchens IV, Spalte 840-853.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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